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Elvira hat sich seit Monaten auf diese Reise gefreut, auf das Wiedersehen mit ihrer Freundin im Süden, auf das Meer, auf ein paar Tage ohne Pflichten. Nur an eines mag sie nicht denken. Schon zwei Wochen vor dem Abflug meldet sich ein flaues Gefühl im Bauch, das mit jedem Tag größer wird. Am Gate sitzt sie mit feuchten Händen, den Blick auf die Maschine gerichtet, und rechnet innerlich aus, wie viele Stunden sie diesem Ding gleich ausgeliefert sein wird. Als das Flugzeug beim Start beschleunigt und sich vom Boden löst, krallt sie sich in die Armlehne, als könnte sie es so festhalten.
Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du in großer Gesellschaft. Die Angst vor dem Fliegen gehört zu den häufigsten Ängsten überhaupt, und sie trifft auch Menschen, die im übrigen Leben mutig und gefasst sind. Das Verrückte daran ist, dass Fliegen zu den sichersten Arten zu reisen zählt und dein Verstand das oft sogar weiß. Trotzdem schlägt etwas in dir Alarm, sobald sich die Kabinentür schließt. Um diesem Widerspruch zu begegnen, hilft es, zu verstehen, was in deinem Körper und deinem Kopf über den Wolken eigentlich geschieht.
Warum dein Kopf in der Luft Alarm schlägt
Dein Gehirn ist ein uraltes Schutzorgan, und es wurde in einer Welt geformt, in der es keine Flugzeuge gab. Für dein Alarmsystem zählen vor allem zwei Dinge als bedrohlich, und im Flieger treffen sie beide zusammen. Das eine ist Höhe, vor der uns die Natur sinnvollerweise mit Vorsicht ausgestattet hat. Das andere ist der Verlust von Kontrolle und die Unmöglichkeit zu fliehen. In einer geschlossenen Kabine, angeschnallt, viele Kilometer über dem Boden, kannst du nicht einfach aufstehen und gehen. Genau diese Fluchtlosigkeit liest dein Nervensystem als Gefahr, ganz gleich, wie sicher die Maschine tatsächlich ist.
Dazu kommt, dass dein Körper im Flugzeug lauter ungewohnte Empfindungen bekommt. Das Vibrieren beim Start, das Absacken in einer Böe, das veränderte Geräusch der Triebwerke, all das sind Reize, die dein Gehirn nicht einordnen kann. Und was es nicht einordnen kann, deutet es im Zweifel als Bedrohung. So entsteht ein körperlicher Alarm, obwohl objektiv nichts geschieht, was dir schaden würde. Deine Angst ist in diesem Sinn keine Fehlfunktion, sondern ein übereifriger Schutz, der lieber einmal zu oft warnt.
Turbulenzen und die Sache mit der Kontrolle
Am meisten fürchten die meisten Menschen die Turbulenzen. Dabei sind sie für das Flugzeug ungefähr das, was Wellen für ein Schiff sind, ein normaler Teil der Reise, auf den die Technik ausgelegt ist. Für dein Gefühl ist der Unterschied trotzdem gewaltig, denn das Ruckeln bestätigt scheinbar deine schlimmste Befürchtung. In dem Moment, in dem die Maschine wackelt, sagt dein Kopf, siehst du, jetzt geht es los. Das Gefühl fühlt sich an wie ein Beweis, obwohl es nur ein Gefühl ist.
Hier liegt auch der Grund, warum bloße Zahlen deine Angst selten beruhigen. Du kannst die Statistiken alle kennen und dich trotzdem elend fühlen, denn Angst spricht nicht die Sprache der Vernunft, sondern die des Körpers. Der zweite große Punkt ist die Kontrolle. Am Steuer eines Autos fühlen sich viele sicherer als im Flugzeug, obwohl die Fahrt gefährlicher ist, einfach weil sie selbst lenken. Im Flieger die Kontrolle abzugeben und darauf zu vertrauen, dass andere ihre Arbeit tun, ist für ein wachsames Nervensystem eine echte Zumutung. Es lohnt sich, genau das zu üben, denn das Aushalten von Ungewissheit ist eine Fähigkeit, die weit über das Fliegen hinausreicht.
Wie die Angst sich selbst aufschaukelt
Oft beginnt das Schlimmste lange vor dem Abflug. Schon Tage vorher malt sich dein Kopf aus, wie furchtbar es werden wird, und jede dieser Vorstellungen versetzt deinen Körper in kleine Alarmzustände. Diese vorweggenommene Angst nährt sich selbst, denn je mehr du sie fürchtest, desto größer wird sie. Wer diesen Mechanismus kennt, erkennt ihn wieder in dem, was beim Angstkreis geschieht, wenn du die Angst vor der Angst spürst. Die Erwartung schreibt das Drehbuch, nach dem der Flug dann abläuft.
Während des Fluges übernimmt dann gern der Teil in dir, der aus jeder Kleinigkeit die Katastrophe macht. Ein ungewohntes Geräusch wird zum Defekt, ein Ruckeln zum Absturz, ein Schwindelgefühl zum Beweis, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es hilft ungemein, dem Katastrophisieren freundlich die Zügel zu nehmen und die Gedanken als das zu sehen, was sie sind, nämlich Wetterleuchten im Kopf und keine Vorhersage. Und wenn du trotz allem einsteigst und die Reise antrittst, dann übst du genau jenen Mut, der das Handeln trotz der Angst meint. Jeder Flug, den du hinter dich bringst, schreibt deinem Nervensystem eine neue Erfahrung ins Gedächtnis.
Was dir im Flieger und davor hilft
Das Wirksamste gegen die körperliche Aufregung ist dein eigener Atem, denn er ist die einzige Stellschraube deines Nervensystems, die du bewusst bedienen kannst. Wenn du langsam ausatmest, deutlich länger als du einatmest, gibst du deinem Körper das Signal, dass keine Flucht nötig ist. Das nimmt der Angstwelle die Spitze, auch wenn sie nicht ganz verschwindet. Ebenso hilfreich ist es, die Empfindungen im Flieger im Voraus einzuordnen. Wer weiß, dass Turbulenzen normal sind und dass die tanzenden Geräusche zum Start gehören, erschrickt weniger, wenn sie kommen.
Manchen genügen solche Werkzeuge, um wieder gelassener zu reisen. Wenn die Flugangst dich aber stark einschränkt, dich vielleicht ganz vom Reisen abhält oder dir schon Wochen vorher den Schlaf raubt, dann verdient sie mehr Aufmerksamkeit. Spezielle Flugangst-Seminare und eine Verhaltenstherapie, die dich Schritt für Schritt an die Situation heranführt, gehören zu den wirksamsten Wegen, und sich diese Begleitung zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein kluger Schritt. Wer zwischendurch selbst mehr über die eigenen Ängste verstehen möchte, findet in einem Ratgeber wie Ängste verstehen und überwinden (Werbung) verständliche Erklärungen und Übungen, die das Thema greifbarer machen. Er ersetzt keine Therapie, kann dich aber gut auf dem Weg begleiten.
Kleine Impulse für den Alltag
- Den Atem verlängern: Atme vor dem Start und bei jeder Böe langsam durch die Nase ein und noch langsamer durch den Mund aus. Ein längeres Ausatmen sagt deinem Körper, dass er sicher ist.
- Die Geräusche vorher kennen: Lies dir in Ruhe an, welche Klänge und Bewegungen zum normalen Flug gehören. Was du erwartest, erschreckt dich weniger.
- Die Gedanken benennen: Wenn der Kopf das Schlimmste ausmalt, sag dir freundlich, das ist meine Angst, die spricht, nicht die Wirklichkeit. Schon das schafft einen kleinen Abstand.
- Den Körper beschäftigen: Nimm dir etwas mit, das deine Hände und Sinne bindet, ein Kaugummi, ein Rätsel, eine gute Geschichte. Beschäftigte Aufmerksamkeit hat weniger Raum für Panik.
- Freundliche Verbündete suchen: Sag dem Kabinenpersonal ruhig, dass du Flugangst hast. Die Menschen dort sind das gewohnt und geben dir oft einen beruhigenden Blick oder ein Wort.
- Erfolge sammeln: Halte nach der Landung kurz fest, dass du es geschafft hast. Diese Erinnerung stärkt dich beim nächsten Mal mehr, als du jetzt glaubst.
Zum Weiterhören
In Podcast-Folge #30 „Prüfungsangst einfach überwinden“ geht es zwar um eine andere Situation, doch der Mechanismus ist derselbe wie bei der Flugangst, und die dort geübten Techniken gegen die vorweggenommene Angst lassen sich unmittelbar auf den Flieger übertragen. Hier geht's zur Folge.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Deine Flugangst macht dich nicht zu einem ängstlichen Menschen, und sie sagt nichts über deinen Mut aus. Sie ist ein alter Schutzreflex, der in einer Situation anspringt, für die er nie gedacht war. Du musst ihn nicht mit einem Schlag besiegen. Es reicht, ihm mit ein wenig Verständnis zu begegnen, den Atem zu verlangsamen und dich an das zu erinnern, was du schon weißt. Vielleicht bleibt beim nächsten Flug ein Rest Unbehagen, und das darf so sein. Entscheidend ist nicht, ob du ganz ruhig bist, sondern ob du trotzdem einsteigst und dorthin fliegst, wo etwas Schönes auf dich wartet. Jeder kleine Schritt zählt, und keiner davon muss perfekt gelingen.