Hinweis: Dieser Beitrag enthält Werbung. Empfehlungen sind mit (Werbung) gekennzeichnet. Kaufst du darüber etwas, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich entstehen keine Mehrkosten.
Es ist kurz nach 20 Uhr, als Hilma zum dritten Mal am Abend ihre Tochter anruft, um zu fragen, ob mit dem Enkel wirklich alles in Ordnung ist. Beim ersten Anruf war sie kurz beruhigt. Dann kam der nächste Gedanke, und mit ihm die Unruhe zurück. Jetzt sitzt sie mit dem Telefon in der Hand und weiß eigentlich, dass sie zu viel fragt. Aber die Angst flüstert ihr zu, dass sie sich nur noch einmal vergewissern muss, ein einziges Mal, und dann sei Ruhe.
Dieses Sich-Vergewissern kennst du vielleicht auch, in der einen oder anderen Form. Man liest zum wiederholten Mal denselben Befund, sucht im Internet nach Beschwerden, fragt Menschen um Bestätigung, kontrolliert noch einmal, ob wirklich alles sicher ist. Die Absicht dahinter ist verständlich, du möchtest die Unruhe loswerden. Nur führt gerade dieses ständige Rückversichern nicht aus der Angst heraus, sondern tiefer hinein. In der Fachsprache heißt dieses Verhalten Sicherheitsverhalten, und es gehört zu den heimlichsten Antreibern anhaltender Angst.
Warum die kurze Erleichterung so teuer ist
Wenn du dich rückversicherst, geschieht etwas Verführerisches. Für einen Moment lässt die Anspannung nach. Die Tochter sagt, alles ist gut, und du atmest auf. Genau diese kurze Erleichterung ist das Problem. Dein Gehirn merkt sich, dass das Fragen die Angst gelindert hat, und lernt daraus die falsche Lektion: Ohne die Rückversicherung wäre etwas Schlimmes passiert. Beim nächsten Mal meldet sich die Unruhe deshalb noch schneller und drängt noch stärker auf die nächste Bestätigung.
So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst am Leben hält. Die Erleichterung hält immer kürzer an, das Bedürfnis nach Vergewisserung wächst. Was als kleine Beruhigung begann, wird mit der Zeit zu einer Gewohnheit, die den Tag bestimmt. Du fütterst die Angst, ohne es zu wollen, jedes Mal, wenn du ihr nachgibst. Und du beraubst dich der wichtigsten Erfahrung, die die Angst kleiner machen würde, nämlich zu erleben, dass die Unruhe auch von selbst wieder abklingt, ganz ohne das Fragen. Wie sich dieser sich selbst nährende Kreis anfühlt, beschreibe ich unter raus aus dem Angstkreis.
Was die Angst dir eigentlich sagen will
Angst ist kein Feind, auch wenn sie sich so anfühlt. Sie ist ein uraltes Schutzsystem, das lieber einmal zu oft warnt als einmal zu wenig. In dem Moment, in dem du dich vergewisserst, versucht ein Teil von dir, dich vor etwas zu bewahren, das er für gefährlich hält. Dass mit dem Enkel etwas sein könnte. Dass der Körper krank sein könnte. Die Fürsorge dahinter ist echt, sie hat nur einen Weg gewählt, der dich erschöpft statt beruhigt.
Es hilft, die Angst als einen ängstlichen Anteil in dir zu verstehen, der Aufmerksamkeit sucht, statt sie als Ganzes bekämpfen zu wollen. Diesem Anteil kannst du innerlich zuhören, ohne jeder seiner Forderungen nachzugeben, so wie du ein aufgeregtes Kind ernst nimmst, ohne ihm alles zu erlauben. Wie du diesen inneren Dialog führst, beschreibe ich unter ein Teil von dir hat Angst. Wer die Angst mit etwas mehr Humor und Klarheit ansprechen möchte, findet in Liebe Angst, halt doch mal die Klappe (Werbung) einen warmherzigen Begleiter, der zeigt, wie man der eigenen Angst freundlich, aber bestimmt begegnet, statt sich von ihr treiben zu lassen.
Wie du den Kreislauf durchbrichst
Der Weg hinaus führt über einen Umweg, der zunächst unangenehm ist. Du übst, dich nicht rückzuversichern, und hältst die Unruhe aus, die dabei aufsteigt. Das klingt hart, ist aber der einzige Weg, auf dem dein Gehirn die entscheidende neue Erfahrung machen kann, dass die Angst auch ohne Bestätigung wieder sinkt. Fang klein an. Wenn du normalerweise dreimal anrufst, versuche es diesmal mit zweimal. Wenn du sonst sofort nachschaust, warte erst zehn Minuten. Jeder kleine Aufschub ist ein Sieg.
Es hilft, in diesen Momenten zu wissen, dass eine Angstwelle nicht ewig steigt. Sie erreicht einen Höhepunkt und ebbt dann von allein wieder ab, meist innerhalb einiger Minuten, wenn du sie nicht durch neues Fragen wieder anfachst. Du musst nichts tun, um sie zu beenden, außer sie geschehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass sie vorübergeht. Das ist eine Form von Mut, und Mut heißt nicht, ohne Angst zu sein. Mut heißt, zu handeln, obwohl die Angst da ist. Mehr über diesen Mut findest du unter Mut trotz Angst.
Manchen hilft es, sich vor dem Verzicht auf die Rückversicherung einen kleinen Satz bereitzulegen, den sie sich in dem Moment sagen können. Etwas wie: Ich spüre die Unruhe, und ich muss ihr nicht folgen. Oder: Diese Welle geht vorbei, auch wenn ich nichts tue. Solche Sätze ersetzen den alten Reflex durch eine ruhige Erinnerung und geben dir etwas, woran du dich in der Anspannung festhalten kannst. Beginne mit einer Situation, die machbar erscheint, und nimm dir nicht gleich das größte Angstthema vor. Beim schwersten Thema ist die Gefahr zu hoch, dass du dann doch nachgibst, und ein solcher Rückzug entmutigt mehr, als er nützt. Fang bei einer kleinen Vergewisserung an, bei der die Unruhe erträglich bleibt, und arbeite dich langsam vor. Jeder Erfolg, so klein er scheint, ist ein Beweis für dein Nervensystem, dass es die Welle auch ohne Rückversicherung übersteht. Diese Beweise summieren sich mit der Zeit zu einem neuen, ruhigeren Vertrauen, das dich schließlich von innen trägt.
Wann du dir Begleitung holen darfst
Manchmal ist die Angst so groß geworden, dass sie den Alltag beherrscht. Wenn sich das Rückversichern zu einem Zwang entwickelt hat, wenn du kaum noch etwas ohne Kontrolle tun kannst, wenn die Sorge dich nachts wach hält und der Tag nur noch aus Angst besteht, dann ist das ein Grund, dir professionelle Unterstützung zu suchen. Eine Psychotherapie kann dir zeigen, wie du dem Kreislauf begegnest, an einem geschützten Ort und in deinem Tempo.
Sich Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche. Es zeugt von Klugheit und Selbstachtung. Angststörungen gehören zu den häufigsten seelischen Belastungen überhaupt, und sie lassen sich gut behandeln. Du musst nicht warten, bis es unerträglich wird. Es ist völlig in Ordnung, sich Begleitung zu suchen, solange die Angst noch klein ist, genauso wie du mit einem Schmerz zum Arzt gehst, ohne erst abzuwarten, ob er von allein verschwindet.
Kleine Impulse für den Alltag
- Das Rückversichern bemerken: Frag dich im Moment des Fragens, ob du wirklich neue Information suchst oder nur Beruhigung. Allein das Bemerken schafft schon Abstand.
- Den Aufschub üben: Warte, bevor du dich vergewisserst, erst eine kurze Weile. Oft ist die Unruhe nach zehn Minuten schon kleiner geworden.
- Die Welle beobachten: Sag dir, dass die Angst steigt und wieder fällt. Sie ist wie eine Welle, kein Zustand, der bleibt.
- Weniger statt gar nicht: Reduziere das Kontrollieren in kleinen Schritten, statt es sofort ganz zu verbieten. Jede eingesparte Rückversicherung zählt.
- Den ängstlichen Anteil ansprechen: Sag innerlich freundlich, ich sehe deine Sorge, und wir müssen trotzdem nicht anrufen. Das nimmt den Kampf heraus.
- Den Körper erden: Spüre die Füße am Boden und atme langsam aus. Ein ruhigerer Körper macht das Aushalten der Welle leichter.
Zum Weiterhören
In Podcast-Folge #144 „Power Talk: Du schaffst das" spreche ich dir Mut zu für genau die Momente, in denen die Angst dich zum Rückversichern drängt, und begleite dich mit ruhigen Worten durch die Welle. Hier geht's zur Folge.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Jedes Mal, wenn du der Angst nicht sofort nachgibst, bringst du ihr etwas bei. Du zeigst ihr, dass sie auch ohne die nächste Bestätigung wieder ruhig wird. Das gelingt nicht auf einen Schlag, und es wird Tage geben, an denen du doch wieder anrufst. Das ist kein Rückfall, das gehört zum Weg. Sei geduldig und freundlich mit dir, so wie du es mit einem lieben Menschen wärst, der Angst hat. Du musst nicht nie wieder unsicher sein. Es reicht, der Unsicherheit ein wenig mehr zuzutrauen, dass sie von allein vergeht. Kleine Schritte, wieder und wieder, tragen dich hier weiter als jeder Vorsatz.