Almut sitzt mit ihrer ältesten Freundin bei einem Glas Tee, und irgendwann fällt der Satz, den sie schon einige Male gehört hat. Immer suchst du dir die Unerreichbaren aus. Almut will widersprechen, doch als sie ehrlich zurückblickt, erkennt sie ein Muster. Da war der Mann, der beruflich immer wichtiger war als sie. Davor einer, der sich nie festlegen wollte. Und schon in ihrer Jugend die Freundin, um deren Zuneigung sie ständig werben musste. Verschiedene Menschen, verschiedene Jahrzehnte, und doch ein Faden, der sich hindurchzieht und den sie erst jetzt bemerkt.
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Vielleicht kennst du dieses eigentümliche Wiedererkennen aus dem eigenen Leben. Du landest bei einem ähnlichen Typ Mensch, gerätst in vergleichbare Konstellationen, spürst dieselbe alte Enttäuschung. Das fühlt sich an wie Pech oder Zufall, ist aber selten beides. In der Psychologie beschreibt man diese Neigung, immer wieder ähnliche Beziehungsmuster zu leben, als Wiederholung. Sie hat nichts mit fehlender Klugheit zu tun. Sie folgt einer verborgenen Logik, und wenn du diese Logik verstehst, bekommst du zum ersten Mal eine echte Wahl.
Warum uns das Vertraute anzieht
Unser Gefühl von Nähe hat sich früh gebildet, lange bevor wir Worte dafür hatten. In den ersten Beziehungen unseres Lebens, meist zu den Eltern, haben wir gelernt, wie sich Liebe anfühlt, was wir dafür tun müssen und womit wir rechnen dürfen. Diese frühen Erfahrungen legen eine Art inneres Bild davon an, was Beziehung bedeutet. Und dieses Bild wirkt weiter, auch wenn wir längst erwachsen sind. Es sorgt dafür, dass sich manche Menschen sofort richtig anfühlen, obwohl sie uns nicht guttun.
Das Entscheidende ist, dass sich vertraut und gut für unser Gefühl fast dasselbe anhören. Wenn du als Kind gelernt hast, dass Zuneigung an Leistung geknüpft ist, wird ein Mensch, um den du dich mühen musst, ein wohlbekanntes Ziehen in dir auslösen. Dieses Ziehen deuten wir als Verliebtheit oder als Chemie, dabei ist es oft nur die Wiedererkennung eines alten Musters. Der emotional verfügbare, verlässliche Mensch wirkt dann seltsam reizlos, weil er nicht zu dem inneren Bild passt, mit dem wir aufgewachsen sind. Wie sehr unsere frühen Bindungserfahrungen bis heute prägen, zu wem wir uns hingezogen fühlen, beschreibt Stefanie Stahl in Jeder ist beziehungsfähig (Werbung), das viele Frauen als warmen Wegweiser durch die eigenen Muster erleben.
Wie stark unser Nervensystem schon früh lernt, was Nähe bedeutet, und warum es sich bis heute vor allem im Kontakt mit anderen beruhigt, liest du im Beitrag Warum dein Nervensystem andere Menschen braucht.
Der Versuch, alte Geschichten gut ausgehen zu lassen
Es gibt noch einen zweiten Grund, der tiefer reicht. Manchmal suchen wir unbewusst genau die Konstellationen auf, an denen wir früher gelitten haben, in der leisen Hoffnung, es diesmal besser hinzubekommen. Wer als Kind um die Aufmerksamkeit eines abwesenden Elternteils gerungen hat, fühlt sich später womöglich immer wieder zu Menschen hingezogen, die schwer zu erreichen sind. Der innere Antrieb dahinter ist eigentlich rührend. Ein Teil von uns möchte die alte Wunde endlich heilen, indem er die alte Geschichte neu erzählt und dieses Mal ein glückliches Ende erkämpft.
Nur geht die Rechnung selten auf, weil man einen unerreichbaren Menschen nicht durch mehr Anstrengung erreichbar macht. Statt der Heilung stellt sich die vertraute Enttäuschung wieder ein, und das alte Gefühl bestätigt sich. In der Therapie zeigt sich dieses Muster sehr häufig, und es zu erkennen ist bereits ein befreiender Moment. Denn was da wirkt, ist kein Charakterfehler und keine Anziehung zum Falschen. Es ist ein alter Schutz- und Reparaturversuch, der einmal Sinn ergeben hat und heute in die Irre führt.
Welcher Teil in dir da eigentlich am Werk ist und wie du mit ihm ins Gespräch kommst, zeigt dir der Beitrag Dein inneres Team.
Das Muster sehen, ohne sich dafür zu verurteilen
Der erste Schritt aus einer Wiederholung heraus ist, sie überhaupt zu bemerken. Solange das Muster unsichtbar bleibt, erscheint jede neue Enttäuschung als eigenständiges Unglück. Sobald du den roten Faden erkennst, verändert sich dein Blick. Du kannst dich fragen, was dir an einem bestimmten Menschentyp so vertraut vorkommt, welches Gefühl sich wiederholt, an welche frühere Beziehung dich das erinnert. Diese Fragen sind nicht dazu da, dir Schuld zu geben, sondern um Licht in einen Automatismus zu bringen, der bisher im Dunkeln ablief.
Wichtig ist dabei die Haltung dir selbst gegenüber. Du hast dieses Muster nicht gewählt, du hast es als Kind übernommen, um mit deiner damaligen Wirklichkeit zurechtzukommen. Es war einmal eine kluge Anpassung. Wenn du es heute mit Mitgefühl statt mit Vorwürfen betrachtest, entsteht Raum für etwas Neues. Selbstverurteilung dagegen hält dich im Muster fest, weil sie dich klein macht und die alte Geschichte vom eigenen Ungenügen weitererzählt.
Neues wird sich zuerst falsch anfühlen
Wenn du beginnst, andere Entscheidungen zu treffen, solltest du auf eine Überraschung vorbereitet sein. Der Mensch, der dir wirklich guttut, der verlässlich ist und dich freundlich behandelt, wird sich anfangs vielleicht fad oder ohne den gewohnten Kick anfühlen. Das ist kein Zeichen, dass er nicht der Richtige ist. Es ist das Zeichen, dass er nicht deinem alten Muster entspricht. Das aufregende Ziehen fehlt, weil das aufregende Ziehen an die vertraute Not gekoppelt war.
Hier lohnt sich Geduld mit dir selbst. Ein neues Beziehungsgefühl muss erst wachsen, und Sicherheit fühlt sich zunächst ungewohnt ruhig an, fast langweilig. Mit der Zeit kann sich dieses ruhige Gefühl in etwas Tiefes und Tragendes verwandeln, das dem alten Nervenkitzel weit überlegen ist. Du lernst dann, Nähe nicht mehr an der Höhe des inneren Aufruhrs zu messen, sondern an der Frage, wie du dich in Gegenwart des anderen fühlst. Gesehen und sicher, oder angespannt und im ständigen Werben.
Wie sehr es einen Menschen verändert, endlich wirklich gesehen und gehört zu werden, beschreibt der Beitrag Wirklich gehört werden.
Kleine Impulse für den Alltag
- Den roten Faden suchen: Schau dir deine wichtigen Beziehungen einmal nebeneinander an. Welches Gefühl kehrt wieder, welcher Typ Mensch zieht dich an? Das Muster zu sehen ist der Anfang.
- Vertraut von gut unterscheiden: Wenn jemand sich sofort aufregend richtig anfühlt, halte kurz inne. Frage dich, ob das echte Verbundenheit ist oder das Wiedererkennen einer alten Geschichte.
- Die alte Wunde benennen: Überlege, welche frühe Erfahrung sich in deinen Beziehungen zu wiederholen scheint. Verständnis für die Herkunft nimmt dem Muster seine Macht.
- Mild mit dir bleiben: Verurteile dich nicht für deine bisherigen Entscheidungen. Du hast getan, was du gelernt hast. Von hier aus darfst du Neues lernen.
- Ruhe aushalten üben: Wenn ein Mensch dir guttut und es sich ungewohnt ruhig anfühlt, gib dem Gefühl Zeit. Sicherheit darf sich erst einmal fremd anfühlen.
- Auf das Nachher achten: Frage dich nach einer Begegnung, wie es dir geht. Fühlst du dich gestärkt oder ausgelaugt? Dein Zustand danach sagt mehr als der erste Funke.
Zum Weiterhören
In Podcast-Folge #54 „Wieso wir immer wieder auf die gleichen Menschen reinfallen" sprechen wir ausführlich darüber, wie diese Anziehung zum Vertrauten entsteht und wie du den alten Faden behutsam durchtrennst, um dich für Beziehungen zu öffnen, die dir wirklich guttun. Hier geht's zur Folge.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Ein Muster zu erkennen bedeutet nicht, es sofort ablegen zu müssen. Alte Prägungen lösen sich langsam, und du wirst vermutlich noch manches Mal denselben Sog spüren. Das ist kein Scheitern, sondern ganz normal. Es reicht, dass du den Faden jetzt siehst, denn was du siehst, kannst du irgendwann anders entscheiden. Sei geduldig mit dir. Du bist dabei, eine Geschichte umzuschreiben, die vor langer Zeit begonnen hat, und das darf so viel Zeit brauchen, wie es eben braucht.