Auf deiner eigenen Seite stehen: Was Selbstliebe wirklich meint
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Auf deiner eigenen Seite stehen: Was Selbstliebe wirklich meint

7 Min. Lesezeit · aktualisiert 5. August 2026

Für alle hast du ein warmes Wort, nur für dich nicht. Woher der harte innere Ton kommt und wie eine freundlichere Beziehung zu dir selbst wachsen darf.

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Es ist Sonntagabend, als Rosemarie in der Küche steht und den letzten Teller abtrocknet. Das Haus ist still, die Kinder längst erwachsen und ausgezogen, ihr Mann sitzt vor dem Fernseher. Sie fängt ihr Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe auf und denkt, ohne dass sie es steuern könnte, einen Satz, den sie seit Jahrzehnten denkt. Du hättest heute mehr schaffen können. Es ist ein leiser Satz, fast beiläufig, und doch begleitet er sie durch jeden Tag. Für alle anderen hat Rosemarie ein warmes Wort. Nur für sich selbst nicht.

Diesen inneren Ton kennen viele Frauen sehr gut. Nach außen sind sie geduldig, fürsorglich, verständnisvoll. Nach innen führen sie eine Beziehung, die sie mit keinem anderen Menschen führen würden, so streng und so wenig nachsichtig ist sie. Für dieses Verhältnis zu dir selbst gibt es ein Wort, das oft missverstanden wird. Selbstliebe. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was damit gemeint ist, woher der harte Ton kommt und wie eine freundlichere Beziehung zu dir selbst wachsen kann, ganz ohne dass du dich dafür verstellen musst.

Was Selbstliebe wirklich meint

Selbstliebe klingt für viele nach etwas Übertriebenem, nach dauernder Selbstbeweihräucherung oder nach dem Rat, sich einfach mal etwas zu gönnen. Damit hat das eigentliche Anliegen wenig zu tun. Selbstliebe meint schlicht, auf deiner eigenen Seite zu stehen. So mit dir umzugehen, wie du mit einem Menschen umgehst, der dir wichtig ist. Das schließt Kritik nicht aus, aber es schließt Verachtung aus.

Oft wird Selbstliebe mit Selbstmitgefühl in einen Topf geworfen. Die beiden sind verwandt, meinen aber nicht dasselbe. Selbstmitgefühl ist der freundliche Umgang in einem Moment, in dem dir etwas misslingt, und wie es wirkt, haben wir in Sei nett zu dir beschrieben. Selbstliebe ist die Grundhaltung dahinter, die verlässliche Zuwendung, die auch dann bleibt, wenn du gerade nicht besonders liebenswert findest, was du tust. Sie ist keine Belohnung für gute Leistung. Sie ist die Erlaubnis, ein Mensch mit Ecken sein zu dürfen.

Diese Erlaubnis stellt sich selten als Gefühl ein, sie entsteht über viele kleine Entscheidungen im Alltag. Warum Selbstliebe eher eine Übung als ein Zustand ist, liest du in Selbstliebe ist kein Gefühl, sondern eine Übung.

Woher der harte Ton in dir kommt

Kaum eine Frau hat sich den strengen inneren Ton selbst ausgesucht. Er ist gelernt, meist früh. Wer als Kind vor allem dann Zuwendung bekam, wenn sie brav, hilfsbereit oder erfolgreich war, verknüpft Liebe irgendwann mit Leistung. Der Satz, den Rosemarie am Fenster denkt, ist selten ihr eigener. Häufig klingt darin die Stimme von jemandem nach, dessen Zuneigung an Bedingungen geknüpft war.

Diese frühen Prägungen sitzen tief, und sie melden sich vor allem, wenn du müde, überfordert oder verletzlich bist. Genau dann wird die innere Kritikerin am lautesten. Wie du ihr begegnest, ohne dich mit ihr zu streiten, beschreibt der Beitrag Der leise Dauerkritiker im Kopf. Wenn du an diese frühen Wurzeln behutsam heran möchtest, bietet das Buch Das Kind in dir muss Heilung finden (Werbung) einen sanften Zugang zu genau dieser Arbeit mit dem inneren Kind, das in dir noch immer auf freundliche Worte wartet. Zu verstehen, dass der harte Ton eine Geschichte hat, nimmt ihm schon einen Teil seiner Macht, weil du dann nicht mehr glaubst, er sei einfach die Wahrheit über dich.

Warum gerade Frauen sich selbst oft hinten anstellen

Viele Frauen deiner Generation sind mit einer stillen Regel groß geworden. Erst kommen die anderen, dann vielleicht du. Über Jahrzehnte hinweg hast du vielleicht für Kinder, Eltern, den Partner, die Arbeit gesorgt und dabei gelernt, deine eigenen Bedürfnisse zuletzt zu nennen oder ganz zu überhören. Das war oft keine freie Entscheidung, sondern das, was von dir erwartet wurde und was du selbstverständlich gegeben hast.

Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Alltag ruhiger wird, taucht dann manchmal eine Leere auf, die überrascht. Du hast so lange für andere funktioniert, dass die Frage, was du selbst brauchst, fast fremd klingt. Das ist kein Grund zur Sorge, sondern eine Einladung. Es darf jetzt auch um dich gehen. Sich selbst nicht länger ganz hinten anzustellen, ist kein Egoismus. Es ist die späte, verdiente Erlaubnis, auch die eigene Stimme wieder ernst zu nehmen.

Dabei begegnet dir vielleicht ein zäher Einwand. Wer ständig für sich selbst sorgt, wird bequem oder rücksichtslos, so lautet die alte Befürchtung. In der Erfahrung zeigt sich eher das Gegenteil. Wer freundlich mit sich umgeht, hat mehr innere Kraft, um auch für andere da zu sein, weil diese Fürsorge dann aus einem vollen und nicht aus einem leeren Krug fließt. Frauen, die gelernt haben, sich selbst gut zu behandeln, werden selten kälter. Sie werden ruhiger, klarer in dem, was sie geben mögen, und ehrlicher in dem, was ihnen zu viel wird.

Wie eine freundlichere Beziehung zu dir wächst

Eine wärmere Beziehung zu dir selbst entsteht nicht durch einen einzigen großen Entschluss, sondern durch viele kleine, freundliche Entscheidungen im Alltag. Es hilft, den inneren Ton überhaupt erst zu bemerken. Wie sprichst du mit dir, wenn dir ein Fehler unterläuft? Würdest du so auch mit deiner besten Freundin reden? Meist nicht, und in diesem Unterschied liegt schon der ganze Weg.

In dir wohnen viele Stimmen, die strenge Kritikerin, die Antreiberin, die Ängstliche, aber auch eine ruhige, wohlwollende. Wie du diese inneren Anteile kennenlernst und ihnen freundlich vorstehst, ohne dass eine allein das Kommando übernimmt, beschreibt Dein inneres Team. Selbstliebe heißt am Ende, immer öfter die wohlwollende Stimme zu Wort kommen zu lassen. Nicht laut, nicht als Sieg über die anderen, sondern als ruhige Gewissheit, dass du auf deiner eigenen Seite stehen darfst.

Wenn die Härte tiefer sitzt

Manchmal ist der innere Ton nicht nur streng, sondern richtig hart. Wenn du dich seit Langem grundsätzlich abwertest, dich für einen schlechten Menschen hältst oder die Vorstellung, dir selbst freundlich zu begegnen, geradezu unmöglich erscheint, dann sitzt die Verletzung oft tiefer, als ein paar Übungen erreichen. Das ist kein Versagen und kein Zeichen von Schwäche. In solchen Fällen kann eine therapeutische Begleitung viel bewegen, weil ein wohlwollender Blick von außen dort einen Anfang macht, wo der eigene Blick noch nicht hinkommt. Sich diese Hilfe zu holen, ist selbst schon ein Akt der Zuwendung an dich.

Kleine Impulse für den Alltag

  • Den inneren Ton belauschen: Achte einmal am Tag darauf, wie du innerlich mit dir sprichst. Schon das Bemerken schafft einen kleinen Abstand zwischen dir und der strengen Stimme.
  • Der Freundinnen-Test: Frag dich bei einem harten Selbsturteil, ob du dasselbe zu einer lieben Freundin sagen würdest. Wenn nicht, formuliere den Satz so, wie du ihn ihr sagen würdest.
  • Ein Bedürfnis pro Tag: Nimm dir vor, jeden Tag ein eigenes Bedürfnis wahrzunehmen und beim Namen zu nennen, und sei es nur der Wunsch nach zehn Minuten Ruhe.
  • Kleine Erlaubnisse geben: Erlaube dir bewusst etwas, das nur für dich ist und keinen Zweck erfüllt. Ein Kapitel lesen, ein Spaziergang ohne Ziel, eine Tasse Tee im Sitzen.
  • Die freundliche Stimme stärken: Wenn die Kritikerin ruft, antworte ihr innerlich mit einem Satz, den ein wohlwollender Mensch zu dir sagen würde. Anfangs fühlt sich das ungewohnt an, mit der Zeit wird es leiser vertrauter.
  • Fehler als menschlich verbuchen: Wenn dir etwas misslingt, sag dir ausdrücklich, dass Fehler zum Menschsein gehören. Du musst sie nicht mögen, aber du darfst dir dabei treu bleiben.

Zum Weiterhören

In Podcast-Folge #31 „Selbstliebe – die wichtigsten Tipps“ sprechen wir ausführlich darüber, wie eine gütige Haltung zu dir selbst entsteht und warum sie die Grundlage für vieles ist, was dich zufriedener macht. Hier geht's zur Folge.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Du musst dich nicht erst verändern, verbessern oder zusammenreißen, um freundlich zu dir sein zu dürfen. Der harte Ton in dir ist eine alte Gewohnheit, und Gewohnheiten lassen sich behutsam umlernen, Satz für Satz. Es geht nicht darum, dich plötzlich großartig zu finden. Es reicht schon, ein kleines Stück öfter auf deiner eigenen Seite zu stehen. Sei geduldig mit dir, wenn der alte Ton zurückkommt, denn das wird er. Jedes Mal, wenn du ihm ein freundliches Wort entgegenhältst, wird die warme Stimme in dir ein wenig kräftiger. Das ist genug, und du bist es auch.

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