Sabrina steht am Dienstagabend in ihrer Küche und rührt in einem Topf, den sie eigentlich gar nicht mehr sieht. Ihre Mutter ist vor drei Wochen gestürzt, seitdem lebt sie im Pflegeheim, und Sabrina fährt jeden zweiten Tag die vierzig Minuten hin, hört sich die gleichen Sorgen an, kommt erschöpft zurück und macht trotzdem Abendessen für ihre eigene Familie, als wäre nichts. Eine Freundin hat ihr am Nachmittag am Telefon gesagt, sie solle doch dankbar sein, dass ihre Mutter überhaupt noch lebt und dass es einen Platz im Heim gegeben hat. Sabrina hat genickt und danke gesagt. Aufgelegt hat sie mit einem Kloß im Hals, der sich anfühlte wie Wut. Nicht, weil der Satz falsch war. Sondern weil er sich anfühlte, als solle sie ihre Erschöpfung wegräumen, bevor sie überhaupt ausgesprochen war.
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Vielen Frauen geht es in solchen Phasen ähnlich. Der Ratschlag, dankbar zu sein, kommt fast immer gut gemeint und trifft trotzdem selten den richtigen Ton, wenn gerade alles schwer ist. Dabei steckt hinter dem, was Sabrina an diesem Abend spürt, kein Widerspruch zur Dankbarkeit, sondern ein Missverständnis darüber, was Dankbarkeit eigentlich ist und wofür sie gedacht ist. Genau darum soll es hier gehen, ehrlich und ohne den Anspruch, dass du ab morgen alles anders siehst.
Wenn Dankbarkeit sich wie ein Befehl anfühlt
Der Satz sei doch dankbar hat eine lange Geschichte in unserer Erziehung. Viele von uns haben ihn als Kind gehört, wenn sie sich über etwas beschwert haben, das anderen schlechter geht. Iss deinen Teller leer, andere Kinder haben gar nichts. Sei froh, dass du überhaupt eine Ausbildung machen durftest. Der Satz hat damals ein Gefühl abgeschnitten, bevor es fertig war, und genau das passiert auch heute noch, wenn Dankbarkeit als Forderung daherkommt statt als Angebot.
Diese Art von Dankbarkeit ist keine echte Dankbarkeit. Sie ist ein Deckel auf einem Topf, der eigentlich noch kochen will. Wenn du in einer schweren Phase steckst, so wie Sabrina, und dir jemand sagt, du sollst dankbar sein, dann hörst du meistens die Aufforderung, deinen Schmerz kleiner zu machen, als er ist, noch bevor er überhaupt Raum bekommen hat. Kein Wunder, dass sich Widerstand meldet. Der Widerstand ist gesund. Er zeigt, dass ein Teil von dir sich nicht wegdrücken lassen will, ein gutes Zeichen für deine emotionale Ehrlichkeit.
Was Dankbarkeit wirklich meint
Echte Dankbarkeit hat mit Verdrängung nichts zu tun. Sie behauptet nicht, dass etwas gut ist, obwohl es schlecht ist. Sie behauptet auch nicht, dass ein schwerer Umstand plötzlich leichter wird, weil du ihn positiv umdeutest. Dankbarkeit im psychologischen Sinn ist die Fähigkeit, neben dem Schweren auch das wahrzunehmen, was trotzdem da ist, ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Sabrina kann erschöpft sein von den Fahrten ins Heim und gleichzeitig spüren, dass ihre Mutter noch da ist, dass sie miteinander reden können, dass eine Schwester im Heim heute besonders geduldig mit ihrer Mutter war. Beides gilt gleichzeitig. Das eine löscht das andere nicht aus.
Wenn du dich fragst, warum ausgerechnet dieser Begriff so oft schräg klingt, liegt es also selten an der Sache selbst, sondern daran, wie sie eingesetzt wird. Über den Unterschied zwischen dem bewussten Wahrnehmen von dem, was schon da ist, und dem reinen Herbeireden von guter Laune schreiben wir auch in Der Blick für das, was schon da ist, wenn du dieser Unterscheidung noch tiefer nachgehen willst. Dankbarkeit ist eine Haltung, die neben dem Schmerz Platz hat, nicht eine, die ihn ersetzen soll.
Warum sie gerade in schweren Phasen so schwerfällt
In Zeiten, in denen wenig glattgeht, ist unser Nervensystem meistens damit beschäftigt, nach Gefahr und Problemen zu suchen. Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein sehr altes Überlebensprogramm. Wer erschöpft ist, wer sich sorgt, wer trauert, hat einen geschärften Blick für das, was fehlt, was bedroht ist, was schiefgehen könnte. Der Blick für das, was trägt, wird in solchen Momenten leiser, nicht weil du undankbar bist, sondern weil dein System gerade auf etwas anderes geeicht ist.
Genau das macht Dankbarkeit in schweren Phasen so anstrengend und gleichzeitig so wirksam. Anstrengend, weil du bewusst gegen die Richtung schwimmst, in die dein Kopf gerade will. Wirksam, weil jeder Moment, in dem du trotzdem etwas findest, das trägt, deinem Nervensystem zeigt, dass nicht alles bedrohlich ist. Es geht dabei nicht darum, die schwierigen Gefühle zu übertönen. Es geht darum, ihnen eine zweite Stimme zur Seite zu stellen, die genauso wahr ist. Wie du insgesamt liebevoller mit dir selbst sprichst, wenn es dir schlecht geht, beschreiben wir ausführlicher in Sei nett zu dir.
Der Unterschied zwischen Verdrängen und Dankbarkeit üben
Ein Grund, warum Dankbarkeitsübungen bei manchen Menschen einen schalen Nachgeschmack hinterlassen, ist die Angst, dass sie zur Verdrängung werden. Wer jeden Abend drei Dinge aufschreibt, für die er dankbar ist, kann das auf zwei sehr unterschiedliche Arten tun. Die eine Art besteht darin, die schwierigen Gefühle des Tages zu überschreiben, so als dürften sie gar nicht existieren. Die andere Art lässt beides stehen. Sabrina könnte an jenem Dienstagabend in ihr Heft schreiben, dass der Tag mit der Pflege ihrer Mutter zermürbend war, und trotzdem notieren, dass ihre Tochter ihr beim Abendessen ungefragt geholfen hat, den Tisch zu decken. Kein Satz macht den anderen ungültig.
Dieser Unterschied entscheidet darüber, ob eine Dankbarkeitsübung dir hilft oder dich innerlich noch mehr unter Druck setzt. Wenn du merkst, dass eine Übung sich anfühlt, als müsstest du etwas beweisen oder positiv erscheinen, ist es meistens ein Zeichen, dass sie gerade zur Pflicht statt zur Unterstützung geworden ist. Dann darf sie kleiner werden. Wenn du dabei eine sanfte, geführte Stütze magst, kann ein Dankbarkeitstagebuch wie das LEBENSKOMPASS® Dankbarkeitstagebuch „Sunlight“ (Werbung) helfen, in nur fünf Minuten am Tag beides nebeneinander stehen zu lassen, das Schwere und das Kleine, das trotzdem trägt. Manchmal reicht ein einziger Gedanke am Abend, mehr nicht. Wie eng Sinn und ein gutes Leben tatsächlich zusammenhängen, unabhängig von kurzfristig guter Laune, kannst du in Was uns wirklich trägt nachlesen.
Ein kleiner Anfang, der zu dir passt
Wenn du gerade in einer Phase bist, in der der Gedanke an Dankbarkeit eher Widerstand als Erleichterung auslöst, musst du nicht bei null anfangen mit großen Übungen oder Dankbarkeitstagebüchern, die sich wie eine weitere Aufgabe anfühlen. Es reicht, wenn du dir ab und zu erlaubst, zwei Dinge gleichzeitig wahr sein zu lassen. Das ist schwer, und gerade heute ist auch etwas da, das mir guttut. Kein Satz muss den anderen überstrahlen. Mit der Zeit wird dieser doppelte Blick für die meisten Frauen vertrauter, fast wie ein Muskel, der sich an Bewegung gewöhnt, auch wenn er anfangs ungewohnt bleibt. Er macht das Schwere nicht kleiner. Er macht dich ein bisschen stabiler darin, es zu tragen.
Kleine Impulse für den Alltag
- Beides stehen lassen: Wenn du an einen schweren Moment des Tages denkst, frage dich zusätzlich, ob irgendwo daneben auch etwas war, das getragen hat. Beides darf gleichzeitig gelten.
- Konkret statt allgemein: Statt allgemein an das Leben zu denken, halte an einer einzelnen kleinen Szene fest, einem Blick, einem Satz, einer Geste. Konkretes trägt mehr als Abstraktes.
- Ohne Zwang: Wenn sich eine Dankbarkeitsübung an einem Tag falsch anfühlt, lass sie ausfallen. Ein erzwungener Satz hilft niemandem, am wenigsten dir selbst.
- Menschen einbeziehen: Dankbarkeit gegenüber einer konkreten Person, ausgesprochen oder auch nur gedacht, wirkt oft stärker als Dankbarkeit gegenüber Umständen.
- Der Körper darf mitreden: Ein tiefer Atemzug, eine warme Tasse in der Hand, ein Moment Stille. Dankbarkeit muss nicht in Worten stattfinden, um wirksam zu sein.
- Rückblick statt Tagesdruck: Wenn der tägliche Blick zu viel verlangt, reicht auch ein wöchentlicher oder monatlicher Rückblick, an dem du nachspürst, was trotz allem getragen hat.
Zum Weiterhören
In Podcast-Folge #65 „Dein Jahresabschluss und dein Ausblick" geht es genau um diesen doppelten Blick zurück, der weder beschönigt noch nur das Schwere sieht. Ein Jahresabschluss und Dankbarkeit gehören eng zusammen, weil beide verlangen, dass du innehältst und genau hinschaust, statt schnell weiterzuziehen. Wenn du magst, hör gerne rein, besonders wenn bei dir gerade eine Phase zu Ende geht, die nicht leicht war.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Dankbarkeit ist kein Zustand, den du erreichst und dann für immer hast, und sie ist erst recht keine Pflicht, mit der du dir selbst schwierige Gefühle verbietest. Sie ist eher eine leise Gewohnheit, die du dir in kleinen Momenten wieder erlaubst, gerade dann, wenn sie am schwersten fällt. Sabrina wird nach diesem Dienstagabend nicht plötzlich alles anders sehen. Aber vielleicht erlaubt sie sich beim nächsten Mal, wenn jemand sei doch dankbar zu ihr sagt, innerlich zu antworten, dass beides da sein darf. Die Erschöpfung und das kleine Danke. Genau darin liegt die eigentliche Kraft der Dankbarkeit, nicht darin, dass sie das Schwere wegmacht, sondern darin, dass sie dir zeigt, dass du mehr tragen kannst, als du manchmal glaubst.