Iris stand an einem Sonntagnachmittag in ihrer Küche und wusste nicht so recht, wohin mit sich selbst. Der Tisch war für zwei gedeckt, nicht mehr für vier. Matti, ihr Jüngster, war vor drei Wochen in eine andere Stadt gezogen, um dort seine Ausbildung zu beginnen, und seine Schwester lebt schon seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause. Früher hatte Iris an diesem Tag Nudeln für die ganze Familie gekocht, während gleichzeitig ein Wäscheberg wartete, jemand nach der verschwundenen Sporttasche rief und der Kalender an der Pinnwand mit Terminen vollgeschrieben war. Jetzt hing dort nur noch ein Zettel mit dem Zahnarzttermin ihres Mannes. Sie öffnete den Kühlschrank, schloss ihn wieder, ohne genau zu wissen, wonach sie eigentlich gesucht hatte. Ihr Mann saß im Wohnzimmer und schaute in Ruhe Fußball, zufrieden mit der Stille. In Iris dagegen wurde eine Frage lauter, die sie sich so noch nie gestellt hatte. Wer bin ich eigentlich, wenn mich gerade niemand braucht?
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Diese Frage kennt fast jede Frau irgendwann, auch wenn sie selten laut ausgesprochen wird. Manchmal kommt sie, wenn die Kinder ausziehen und das Haus plötzlich zu groß wirkt. Manchmal kommt sie nach dem letzten Arbeitstag, wenn der Terminkalender leer bleibt und niemand mehr fragt, was als Nächstes zu tun ist. Und manchmal schleicht sie sich einfach so ein, an einem gewöhnlichen Nachmittag, wenn für einen Moment nichts zu organisieren, zu versorgen oder zu erledigen ist. Was dahintersteckt, ist ein Rollenverlust. Über viele Jahre hinweg wächst die eigene Identität eng mit einer Aufgabe zusammen, mit dem Muttersein, dem Beruf, dem Versorgen anderer. Fällt diese Aufgabe weg, bleibt oft die verwirrende Frage zurück, was oder wer eigentlich noch da ist, wenn die Aufgabe verschwindet.
Wenn eine Rolle jahrzehntelang den Tag ordnet
Eine Rolle wie die der Mutter oder der Versorgerin ist selten nur eine Aufgabe unter vielen. Sie strukturiert den Morgen, den Nachmittag und den Abend. Sie gibt vor, wann aufgestanden wird, was eingekauft werden muss und wessen Bedürfnisse gerade Vorrang haben. Über Jahre hinweg wird aus dieser Struktur ein verlässlicher Rahmen, an dem sich der ganze Tag ausrichtet. Für Iris bedeutete das jahrelang, den Wochenplan im Kopf zu haben, bevor die Kinder überhaupt danach fragten. Diese Art von Verlässlichkeit gibt nicht nur den Tagen eine Form, sie gibt auch dem eigenen Selbstbild eine Form. Wer ständig gebraucht wird, weiß morgens sofort, wozu er aufsteht. Das ist einer der Gründe, warum eine Rolle sich mit der Zeit so eng an die eigene Persönlichkeit anschmiegt, dass beides kaum noch zu trennen ist. Die Rolle wird zur Antwort auf die Frage, wer man ist, lange bevor diese Frage überhaupt bewusst gestellt wird.
Warum der Abschied von einer Rolle so schwer wiegt
Verschwindet diese Rolle, sei es weil die Kinder ausziehen, weil ein Job endet oder weil sich eine Beziehung verändert, verschwindet nicht nur eine Aufgabe. Es verschwindet auch ein Stück von der Landkarte, mit der bisher navigiert wurde. Genau das macht das sogenannte Empty-Nest-Syndrom so kräftezehrend. Es geht dabei selten um die einzelnen Aufgaben wie Kochen oder Wäschewaschen, die plötzlich wegfallen. Es geht um das leise, aber hartnäckige Gefühl, seinen Platz im eigenen Leben verloren zu haben. Ähnliches erleben Frauen, die nach Jahrzehnten im Beruf in den Ruhestand gehen oder ihre Stelle verlieren. Die Frage wer bin ich ohne meinen Job trifft dabei oft härter, als es von außen zu erwarten wäre, weil berufliche Anerkennung über Jahre hinweg zu einem festen Teil des Selbstwerts geworden ist. Dieses Gefühl ist kein Zeichen von Undankbarkeit oder mangelnder Stärke. Es ist eine ganz natürliche Reaktion auf einen echten Verlust, auch wenn niemand gestorben ist und äußerlich betrachtet alles in Ordnung zu sein scheint.
In vielen Partnerschaften wird in dieser Zeit auch die Stille zwischen zwei Menschen hörbar, die jahrelang vor allem Eltern waren. Wie ihr wieder ins Gespräch findet, zeigt Seit die Kinder ausgezogen sind, reden wir nicht mehr miteinander.
Die Beschützer, die die Rolle so lange am Laufen hielten
Innerlich betrachtet steckt hinter dem jahrelangen Funktionieren oft ein Teil von uns, der genau dafür zuständig war. Man könnte ihn einen inneren Beschützer nennen, eine Instanz, die früh gelernt hat, dass Verlässlichkeit, Fürsorge und Einsatzbereitschaft Sicherheit schaffen, für die Familie und für einen selbst. Dieser Teil hat über Jahre zuverlässig Dienst getan, Konflikte abgefedert, Bedürfnisse erkannt, bevor sie ausgesprochen wurden, und dafür gesorgt, dass alles rund lief. Wenn die Aufgabe, für die dieser Beschützer da war, plötzlich wegfällt, weiß er oft nicht, wohin mit seiner Energie. Er meldet sich weiter, sucht nach etwas, das er kontrollieren oder versorgen kann, und hinterlässt bei fehlender Beschäftigung eine innere Unruhe oder sogar ein diffuses Schuldgefühl. In Folge zwanzig des Hallo-Glück-Podcasts, Deine inneren Beschützer, geht es genau um solche inneren Anteile, die uns über Jahre in bestimmten Rollen halten, und darum, wie ein freundlicherer Umgang mit ihnen aussehen kann, wenn ihre ursprüngliche Aufgabe sich verändert. Wer diesem inneren Beschützer und den anderen Stimmen in sich noch tiefer nachspüren möchte, findet in Reise in die innenwelt (Werbung) eine behutsame Anleitung, um diese verschiedenen inneren Anteile besser kennenzulernen.
Mehr als die Summe deiner Aufgaben
So schmerzhaft der Rollenverlust sich anfühlt, er öffnet auch eine wichtige Erkenntnis. Die eigene Identität war nie ausschließlich das, was für andere getan wurde. Unter der Rolle der Mutter, der Kollegin oder der Versorgerin liegen Eigenschaften, Interessen und Werte, die schon lange vor dieser Rolle da waren und die sie überdauern. Vielleicht war da früher eine Neugier auf Sprachen, eine Freude am Zeichnen oder ein Interesse an Politik, das über Jahre im Hintergrund verschwunden ist, weil einfach keine Zeit dafür blieb. Diese Anteile sind nicht verschwunden, sie wurden nur lange nicht gefragt. Der Artikel Dein inneres Team beschreibt, wie viele verschiedene Stimmen in jedem Menschen zuhause sind und wie wertvoll es ist, auch den leiseren unter ihnen wieder Raum zu geben. Und wer sich fragt, woran sich ein Leben nach dem Rollenwechsel überhaupt orientieren kann, findet in Was uns wirklich trägt eine Antwort, die weiterträgt als die reine Suche nach guten Gefühlen. Es geht nicht darum, eine verlorene Rolle durch eine neue zu ersetzen, sondern darum, wieder in Kontakt mit dem zu kommen, was ganz grundsätzlich zu einem gehört.
Der Raum, der jetzt frei wird
Eine leere Küche am Sonntagnachmittag lässt sich auf zwei Arten lesen. Als Beweis dafür, dass man nicht mehr gebraucht wird, oder als ein Raum, der zum ersten Mal seit Langem wieder frei ist. Beide Lesarten sind zunächst wahr, und es braucht Zeit, von der einen zur anderen zu finden. Diese Zeit darf sein. Es hilft niemandem, sich selbst zur Eile anzutreiben oder sich vorzuwerfen, dass die Trauer über die alte Rolle noch nicht verarbeitet ist, während gleichzeitig schon eine neue Begeisterung erwartet wird. Der Artikel Sei nett zu dir beschreibt, wie viel leichter Übergangsphasen werden, wenn man sich selbst mit derselben Geduld begegnet, die man früher anderen entgegengebracht hat. Iris hat für sich beschlossen, den freien Sonntagnachmittag nicht sofort mit neuen Aufgaben zu füllen. Stattdessen hat sie sich einen Stapel alter Bücher aus dem Regal geholt, die sie sich vor Jahren gekauft und nie gelesen hatte, weil immer etwas Dringenderes dazwischenkam. Ein kleiner Anfang, der zeigt, wie einladend der frei gewordene Raum sein kann.
Kleine Impulse für den Alltag
- Schreib deine Rollen auf. Notiere auf einem Blatt Papier, welche Rollen dein Leben bisher getragen haben, Mutter, Kollegin, Organisatorin, und markiere, welche davon sich gerade verändern. Das macht sichtbar, worüber du eigentlich trauerst.
- Frag nach der Zeit davor. Überlege, was dich beschäftigt hat, bevor diese Rolle so viel Raum eingenommen hat. Alte Interessen sind oft noch da, nur lange nicht gefragt worden.
- Lass den freien Nachmittag frei. Widerstehe dem Impuls, eine entstandene Lücke im Kalender sofort mit neuen Pflichten zu füllen. Ein bewusst ungeplanter Nachmittag ist kein verschwendeter Nachmittag.
- Sprich mit jemandem, der dieselbe Phase kennt. Ob Freundin, Schwester oder Nachbarin, der Austausch mit anderen Frauen im selben Übergang nimmt der Frage viel von ihrer Einsamkeit.
- Beobachte deinen inneren Beschützer freundlich. Wenn plötzlich wieder Unruhe oder das Bedürfnis aufkommt, dich um etwas zu kümmern, frag dich kurz, wovor dieser Teil von dir gerade schützen will, statt ihm sofort zu folgen.
- Erlaube dir kleine, zweckfreie Freuden. Ein Buch, ein Spaziergang ohne Ziel oder ein Kaffee in Ruhe zählen genauso viel wie jede erledigte Aufgabe, auch wenn sich das anfangs ungewohnt anfühlt.
Zum Weiterhören
In Folge 20 des Hallo-Glück-Podcasts, Deine inneren Beschützer, spricht Sabine Bimmler darüber, welche inneren Anteile uns über Jahre in vertrauten Rollen halten und wie ein liebevollerer Umgang mit ihnen gelingt, wenn sich diese Rollen verändern. Eine gute Ergänzung zu den Gedanken in diesem Artikel, besonders für alle, die gerade selbst spüren, wie viel ein Teil von ihnen für andere getan hat.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Die Frage, wer man ist, wenn man gerade niemand mehr braucht, klingt zunächst beunruhigend, ist aber im Kern eine Einladung. Niemand muss sie an einem einzigen Sonntagnachmittag beantworten. Es reicht, sie überhaupt zuzulassen und sich selbst dabei mit Geduld zu begegnen, so wie man sie all die Jahre für andere aufgebracht hat. Die Rolle, die zu Ende geht, war wertvoll und hat viel getragen. Was jetzt bleibt, ist nicht weniger, sondern die Möglichkeit, sich selbst noch einmal neu kennenzulernen.