Der blinde Fleck: Wie du lerntest, den Körper zu überhören
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Der blinde Fleck: Wie du lerntest, den Körper zu überhören

6 Min. Lesezeit · aktualisiert 14. September 2026

Renata merkt ihre Kopfschmerzen erst, wenn sie kaum noch auszuhalten sind. Warum viele Frauen früh lernen, den Körper zu überhören, und wie du das änderst.

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Renata sitzt am Dienstagabend mit pochenden Schläfen am Küchentisch und merkt erst beim dritten Anlauf, eine Tablette zu suchen, dass sie seit dem Mittagessen nichts getrunken hat und ihre Schultern bis zu den Ohren hochgezogen sind. Als Kind hat sie oft gehört, dass Kopfschmerzen kein Grund seien, sich so anzustellen, und dass frische Luft gegen so ziemlich alles helfe. Diesen Satz hat sie nie bewusst übernommen. Trotzdem bemerkt sie ihre eigenen Körpersignale bis heute meist erst dann, wenn sie schon deutlich lauter geworden sind als nötig.

Was Renata erlebt, ist kein persönliches Versagen. Es ist ein sehr verbreitetes Muster, das viele Frauen ihrer Generation teilen. Fachleute sprechen hier von einem blinden Fleck für den eigenen Körper: einer über Jahre eingeübten Gewohnheit, körperliche Signale zu übergehen, bis sie sich nicht mehr ignorieren lassen. Dieser blinde Fleck entsteht nicht von selbst. Er wird gelernt, meist schon in der Kindheit, und er lässt sich mit der richtigen Aufmerksamkeit auch wieder verlernen.

Wie der blinde Fleck entsteht

Für viele Frauen, die in den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren aufgewachsen sind, gehörte das Übergehen körperlicher Signale fast zum guten Ton. Wer krank war, ging trotzdem zur Arbeit, wer traurig war, riss sich zusammen, und wer erschöpft war, trank einen starken Kaffee und machte weiter. Diese Haltung war in ihrer Zeit oft aus purer Notwendigkeit entstanden, in Haushalten mit vielen Kindern und wenig Zeit für einzelne Beschwerden. Als Erwachsene tragen viele diese Haltung unbewusst weiter, auch wenn die äußeren Umstände heute ganz andere sind. Der Kopf sagt längst, dass eine Pause erlaubt ist. Der Reflex aus der Kindheit meldet sich trotzdem zuerst.

In vielen Familien früherer Jahrzehnte galten körperliche Beschwerden schnell als etwas, das man nicht zu ernst nehmen sollte. Ein Bauchweh vor der Schule wurde als Ausrede gedeutet, Tränen als Übertreibung, Erschöpfung als mangelnde Disziplin. Kinder lernen aus solchen Reaktionen sehr zuverlässig, welche Körpersignale gehört werden dürfen und welche besser verschwiegen bleiben. Diese frühe Lektion bleibt oft bis ins Erwachsenenalter bestehen, auch wenn sich die eigene Einstellung längst verändert hat. Der Kopf weiß heute genau, dass Erschöpfung ernst zu nehmen ist, doch der erste, automatische Reflex bleibt oft das Weitermachen, weil genau das über Jahrzehnte eingeübt wurde.

Was der Körper stattdessen tut

Ein Signal, das dauerhaft überhört wird, verschwindet nicht einfach. Es wird lauter. Aus einer übergangenen Anspannung im Nacken wird über Wochen ein wiederkehrender Spannungskopfschmerz, aus einem ignorierten Hungergefühl ein Kreislaufeinbruch am Nachmittag, aus unterdrückter Erschöpfung eine Erkältung, die sich merkwürdig hartnäckig hält. Wie eng Anspannung sich tatsächlich in den Muskeln festsetzen kann, beschreibt auch der Artikel über Muskelkater ohne Sport, der zeigt, dass ein völlig unsportlicher Tag sich trotzdem wie nach intensivem Training anfühlen kann, wenn die Anspannung lange genug übergangen wurde. Der Körper wählt dabei keine böswillige Strategie. Er versucht lediglich, mit zunehmender Lautstärke eine Botschaft zu übermitteln, die auf die leise Art schon lange nicht mehr ankommt.

Warum reines Wissen den blinden Fleck nicht auflöst

Renata weiß längst, dass sie öfter Pausen einlegen sollte. Dieses Wissen allein verändert an ihrem Verhalten erstaunlich wenig, weil der blinde Fleck keine Wissenslücke ist, sondern eine über Jahre trainierte Wahrnehmung. Körpersignale wieder wahrzunehmen ist eine Fähigkeit, die geübt werden will wie eine Sprache, die man als Kind einmal gesprochen und über die Jahre verlernt hat. Am Anfang fällt es schwer, den Unterschied zwischen leichter Anspannung und beginnender Erschöpfung überhaupt zu spüren, weil die eigene Wahrnehmung lange auf Durchhalten trainiert wurde. Genau an diesem Punkt setzt auch der Artikel über die innere Antenne an, der beschreibt, wie sich diese Wahrnehmung mit der Zeit Schritt für Schritt wieder aufbauen lässt.

Warum Selbstvorwürfe den blinden Fleck eher vergrößern

Wer den eigenen blinden Fleck erst einmal erkannt hat, neigt leicht dazu, sich rückwirkend Vorwürfe zu machen. Warum habe ich das nicht früher bemerkt, warum bin ich so lange über die eigene Erschöpfung hinweggegangen. Diese Selbstvorwürfe fühlen sich nach Verantwortung an, wirken aber eher wie eine Fortsetzung des alten Musters, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Statt den Körper zu übergehen, wird jetzt die eigene Wahrnehmungsfähigkeit hart bewertet, und auch das kostet Kraft, die für die eigentliche Veränderung gebraucht würde. Hilfreicher ist ein sachlicher Blick auf die eigene Geschichte. Renata hat als Kind gelernt, was in ihrer Familie damals als angemessene Reaktion auf Beschwerden galt, und dieses Gelernte prägt bis heute ihre ersten Reflexe. Das erklärt ihr Verhalten, ohne es zu einem Charakterfehler zu machen, und schafft damit erst den nötigen Abstand, um etwas daran zu verändern.

Wie du deinem Körper wieder zuhören lernst

Ein guter Ausgangspunkt ist, sich mehrmals am Tag ganz bewusst und kurz zu fragen, wie es dem eigenen Körper gerade geht, unabhängig davon, was der Terminkalender als Nächstes vorsieht. Diese Frage muss anfangs nicht viel mehr liefern als ein grobes Gefühl von angespannt, müde oder in Ordnung. Auch der Atem eignet sich gut als Einstieg, weil er sich unmittelbar beeinflussen und beobachten lässt. Ein bewusst verlangsamter, tieferer Atem wirkt fast augenblicklich auf den Herzschlag und schafft damit einen kleinen, spürbaren Beweis dafür, dass der Körper auf Zuwendung reagiert, wie es auch Herz und Atem im Gleichklang beschreibt. Für den Einstieg in eine regelmäßige Atempraxis kann eine geführte Übung eine Hilfe sein. Der Atemtrainer Moonbird (Werbung) gibt über eine sanfte Bewegung in der Hand einen spürbaren Atemrhythmus vor, an dem du dich orientieren kannst, gerade dann, wenn dir die eigene innere Wahrnehmung noch schwerfällt (mit dem Code SABINEBIMMLER gibt es Rabatt).

Wer tiefer in die Verbindung zwischen Körper und Gefühl einsteigen möchte, findet im Buch Besser fühlen (Werbung) eine verständliche Vertiefung dazu, wie eng Körper und Gefühlsleben tatsächlich zusammenhängen und wie sich diese Verbindung im Alltag wieder stärker wahrnehmen lässt.

Es gehört zu diesem Prozess auch dazu, mit sich selbst geduldig zu bleiben, wenn die alte Gewohnheit des Überhörens sich immer wieder meldet. Ein über Jahrzehnte trainiertes Muster verschwindet nicht durch eine einzelne bewusste Woche. Es braucht viele kleine, wiederholte Momente des Hinhörens.

Kleine Impulse für den Alltag

  • Mehrmals täglich kurz nachfragen: Halte inne und frage dich, wie sich dein Körper gerade anfühlt, auch wenn die Antwort nur grob ausfällt.
  • Frühe Signale ernst nehmen: Reagiere schon auf leichte Anspannung oder beginnende Müdigkeit, statt zu warten, bis der Körper lauter wird.
  • Den Atem als Einstieg nutzen: Beobachte bewusst ein paar Atemzüge, wenn du merkst, dass du gerade sehr im Kopf bist.
  • Alte Sätze erkennen: Werde dir bewusst, welche Sätze aus der Kindheit dich heute noch dazu bringen, Beschwerden herunterzuspielen.
  • Pausen nicht verhandeln: Behandle eine kurze Pause als festen Termin, nicht als etwas, das erst nach allem anderen kommt.
  • Kleine Fortschritte würdigen: Freu dich schon über den Moment, in dem du ein Signal bemerkst, auch wenn du noch nicht sofort danach handelst.

Zum Weiterhören

In Podcast-Folge „Psychosomatik: Der blinde Fleck – warum wir die Psyche nicht ohne den Körper verstehen können" sprechen wir ausführlich darüber, wie eng Körper und Psyche miteinander verwoben sind und warum dieser Zusammenhang so leicht übersehen wird. Hier geht's zur Folge.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Renata wird ihre Kopfschmerzen am Dienstagabend nicht rückwirkend verhindern, und das muss sie auch nicht. Es reicht, wenn sie das nächste Mal ein bisschen früher bemerkt, dass ihre Schultern schon wieder hochgezogen sind. Ein Körper, der jahrzehntelang überhört wurde, darf sich Zeit nehmen, um wieder gehört zu werden, und jedes einzelne bemerkte Signal ist bereits ein kleiner Schritt auf diesem Weg.

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