Aus der Achtsamkeit kommt das Prinzip der Nicht-Bewertung. Auch deine eigenen Gedanken solltest du unbewertet lassen, um möglichst gelassen damit umzugehen. Einige Menschen bewerten jedoch ihre Gedanken als "verrückt" oder "schrecklich". Dann löst nicht nur der Gedanke an sich, sondern auch dessen Bewertung, unangenehme Gefühle aus. Diese unangenehmen Gefühle werden wieder als "schrecklich" und "nicht zum aushalten" bewertet. In diesem Moment hoher Anspannung können manchmal Zwänge entstehen(Gedanken oder Handlungen), um die Gefühle (meist Ängste) zu "neutralisieren". Das bringt zumindest kurzfristig eine Erleichterung. Daraus kann sich dann ein "Lerneffekt" entwickeln, der eine eigene nicht mehr steuerbare Dynamik entwickelt. Die Zwangsstörung. www.sabinebimmler.de
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Hey, hallo. Herzlich willkommen bei Reif für die Couch, dem Podcast für alle Erschöpften, deren Thema für dich. Grade in der Coronazeit haben Zwangsstörungen oder ja, sich anbahnende Zwangsstörungen im erheblichen Maß zugenommen. Und ich möchte dir erst mal erklären, was ist das überhaupt, damit Du auch in der Lage bist, bei dir selbst oder in deinem Umfeld ja, so eine beginnende Störung zu erkennen und zu diagnostizieren und vielleicht auch früh zu helfen. Zwänge im Denken und Handeln.
Wir kennen sie irgendwie alle. Wahrscheinlich hast auch Du Themen, die dich immer mal wieder anfliegen und die deinen Kopf sehr nachhaltig beschäftigen und bei dir bleiben. Und das sind sogenannte normal Obsessions, also Obsession. Du siehst schon aus dem Englischen, es hat was mit Besessenheit zu tun. Es hat was damit zu tun, dass bestimmte Gedanken uns in irgendeiner Form ja, besetzen.
Normalerweise passiert das eher kurzfristig. Ein Thema setzt sich in unserem Kopf fest. Wir denken da 'n bisschen dran rum und irgendwann tritt dieses Thema wieder in den Hintergrund und wir beschäftigen uns nicht weiter damit. Wir vergessen, das es gerät irgendwie aus unserem Fokus. Und bei Menschen, die mit Zwängen zu tun haben, ist eben genau das nicht der Fall.
Dieser Vergessensprozess beziehungsweise dieses aus dem Fokus geraten passiert einfach nicht. Wir machen das mal an einem Beispiel. Und zwar kennst Du vielleicht das Bild der Zwangsstörung, die mit Waschen zu tun hat. Es gibt zum Beispiel Menschen, die, wenn sie ein Geländer berührt haben, in einem öffentlichen Gebäude darüber nachdenken, dass dieses Geländer wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht gereinigt wurde, nehmen wir 'n Schulgebäude, sehr anschaulich und das aber den ganzen Tag über ganz viele Hände an diesem Geländer entlangfahren. Und natürlich Dreckspuren, Viren und Bakterien hinterlassen.
Und für viele Menschen ist dann, wenn sie das Geländer angefasst haben und plötzlich darüber nachgedacht haben, wer vor ihnen noch alles dieses Geländer berührt hat und was da alles vielleicht dranklebt und was das für Krankheiten verursachen könnte, ist der Gedanke, diese verschmutzte Hand zu haben, schier unerträglich. Vielleicht kennst Du son ähnliches Erlebnis auch und die meisten gehen dann zu einem Waschbecken, waschen sich die Hände und dann ist es auch wieder gut. Bei Menschen, die anfällig sind für Zwänge aber eben nicht. Denn diese Entscheidung, dass Du dir die Hände gewaschen hast und dass das als Vorsichtsmaßnahme jetzt ausreichend ist, die triffst Du tief in dir. Du hast dir die Hände gewaschen und wie ich eben sagte, jetzt ist es wieder gut.
An diesem Punkt kommt ein Zwangspatient äußerst selten. Der geht also auch in dieses Gedankenkarussell der Viren, Bakterien, des Drecks auf dem Geländer rein und wäscht sich dann die Hände, fühlt sich sicherlich auf einen kurzen Moment erleichtert, weil er sich die Hände waschen konnte, aber dann springt die Angst erneut an. Und die Gedanken nehmen zu ungefähr in der Art, Du hast nicht gut genug gewaschen, Du hast nicht genug Seife genommen. Die Seife ist eigentlich nicht die richtige Seife, weil Du brauchst schon richtig 'n Hygieneprodukt oder da ist mit Sicherheit noch was an deiner Hand geblieben, was Du mit Seife nicht erwäschst und deswegen sind immer noch Bakterien und Viren an deinen Händen und deswegen musst Du noch mal waschen. Wenn dich son Gedanke anpflegt, würdest Du wahrscheinlich, wenn Du nicht ja anfällig für Zwänge bist, sagen, ja, Quatsch.
Mach ich nicht. Ist gut, ist sauber genug. Und diesen Punkt erreicht eben der der Mensch, der zu Zwängen neigt, nicht. Der denkt, ja, dann wasch ich noch mal. Und nach dem zweiten Waschen erzählt der Kopf immer noch, nee, und es geht und hier ist immer noch was übrig und Du musst noch mal und Du hast nicht richtig gewaschen.
Und derjenige sagt, ja okay, dann wasch ich halt 'n drittes Mal. Und er er geht immer wieder mit, weil er dieses Gefühl der Angst, dass da doch etwas sein könnte und das doch etwas passieren könnte, nicht aushalten kann. Weil das ist das Prinzip, diese Gedanken von, da ist was auf deiner Hand, das könnte dich krank machen. Wenn er diesen Gedanken zu seiner Wahrheit macht, wenn er dem glaubt und sich damit, ja, wenn Du den Podcast öfter gehört hast, weißt Du, wenn er damit verschmilzt mit diesem Gedanken, also ihn zu seiner Wahrheit macht, dann kann er sich davon nicht distanzieren. Und dann wäscht er sich die Hände.
Und wenn nach dem Waschen wieder ein Gedanke aufkommt und unser Verstand ist leider so an diesen Stellen, dass er sagt, ach nee, das ist aber noch nicht sauber genug und das ist immer noch total gefährlich. Es tritt wieder Angst auf und wieder wird gewaschen. Und dann passiert ein Lernprozess, weil je öfter ich sozusagen diesen Gedanken ohne Gegenwehr folge und meinen Verstand bestimmen lassen über das, was ich zu tun habe, desto mehr komm ich in soner Lernverstärkung rein, weil ja immer eine kurze Erleichterung da ist und dieses Verhalten festigt sich. Das Problem ist, dass Du dann ein relativ, ja, dein Verstand, 1 1 1 Du Du hast dann plötzlich den Verstand, der relativ willkürlich entscheidet, wann es gut ist und wann es nicht gut ist. Also er kann nach dem dritten Mal Händewaschen sagen, ja ist gut, kann aber auch nicht.
Er kann auch zwölfmal verlangen. Oder er kann auch verlangen, dass jedes Händewaschen 20 Minuten dauert. Auch das kann er verlangen. Und tatsächlich ist es für Menschen, die mit dieser Erkrankung zu tun haben, sehr, sehr schwer, sich an dieser Stelle zu wehren. Jetzt ist das, was wir in Corona erlebt haben, natürlich ein sehr förderliches Umfeld dafür, weil uns ja in im Fernsehen, in Zeitung, im Radio immer wieder begegnet ist, wie gut wir aufpassen müssen, bloß nicht mit diesem Virus in Kontakt zu kommen.
Und wie wichtig das ist, weil sonst die Gefahr ist, dass wir selber schwer erkranken, dass wir dafür verantwortlich sind, dass andere Menschen schwer erkranken. Also man hat da eine große Bürde auf unsere Schultern gelegt. Und das war für die zwanghaften Menschen eine noch größere Bürde als für Menschen, die eher sich sehr gut von diesen Angst machenden Gedanken distanzieren können oder auch diese Bürde einfach von den eigenen Schultern gedanklich runternehmen und sie nicht tragen. Beim Waschzwang ist das alles sogar noch relativ verständlich, aber letztendlich sind Zwänge sehr viel einfallsreicher. Wer den Film gesehen hat mit Jack Nicholson, besser geht's nicht, kennt zum Beispiel auch das Gehbeispiel von den Gehplatten auf dem Gehweg.
Also jeder Bürgersteig oder jede gepflasterte Straße hat ja bestimmte Fugen zwischen den Pflastersteinen. Und auch hier kann unser Verstand plötzlich mal eine Idee rauswerfen, die heißt, wenn Du auf diese Fugen trittst, dann passiert einem deiner geliebten Menschen oder dir etwas ganz Schlimmes. Ihr werdet sagen, ja, aber wie wieso sagt der das? Und man weiß doch, dass der Verstand an der Stelle spinnt. Ja, und dann gibt es Momente, wo wir uns genau von solchen Gedanken vielleicht nicht gut distanzieren können.
Insbesondere wenn wir ansonsten auch viel Stress im System haben, wenn wir mit anderen Ängsten zu tun haben, wenn wir grad in schwierigen Lebenssituationen sind oder wenn wir vielleicht auch durch biografische Erlebnisse Traumatisierung, Erregungszustände in uns tragen. Genau dann passiert es irgendwie, dass unser Verstand etwas raushaut, was uns kriegt, was diese Menschen, diese Patienten dann kriegt. Und dann kann es zu 1 Obsession werden, ja? Dann kann es wie zu 1 Besessenheit werden, dass man nicht mehr auf die Fugen treten darf, auf wenn man einen Gehweg oder eine Straße entlanggeht, weil danach etwas Schlimmes passiert. Und es funktioniert genau wie mit dem Waschzwang.
In dem Moment, wo ich die Straße betrete, sehe ich die ganzen Fugen und kriege Angst. Und wenn es mir aber immer gelingt, neben die Fuge zu treten, hab ich immer einen ganz kurzen entlastenden Impuls, eine Neutralisierung. Die Angst sinkt einen kurzen Moment ab, das unangenehme Gefühl lässt nach. Du kannst dir vorstellen, dass wenn Du die Straße entlanggehst mit diesen Gedanken, dass Du eine ungeheure Verantwortung auf deinen Schultern trägst. Und noch mal, viele Menschen würden sich diesen Gedanken angucken und würden sagen, ey, ist doch Quatsch.
Hat doch gar nix miteinander zu tun. Passiert doch gar nicht. Und es gibt immer wieder Menschen, die an bestimmten Stellen in ihrem Leben diese Distanzierungsfähigkeit aus welchen Gründen auch immer grade nicht haben. Und wenn Du einmal in der Zwangsmaschine drin bist, dann ist es sehr schwierig auszusteigen. Ein gesunder Umgang mit Gedanken, und das ist sicherlich auch etwas, was wir im Therapieraum immer wieder erarbeiten, ist, Gedanken anzuschauen und gar nicht groß zu bewerten oder sich mit ihnen zu beschäftigen, sondern sie mehr oder weniger einfach sein zu lassen.
Man könnte auch sagen, sie zu ignorieren, aber das wäre mir fast zu kraftvoll. Eigentlich guckt man sie an und sagt, interessanter Gedanke, ja. Okay. So. Vielleicht Kopfschütteln, was mein Verstand sich dabei wieder denkt.
Und dann lässt man ihn weiterziehen. Und wenn wir erst mal anfangen, Gedanken zu glauben und zu unserer Wahrheit zu machen, dann können Sie sehr bedrohlich und sehr angst auslösend wirken. Und das passiert. Und das passiert den Zwangspatienten immer wieder und es wird ein sehr starker Automatismus im Hintergrund. Das heißt, oft können die ihre dazugehörigen Gedanken und das, wovor sie eigentlich Angst haben, kaum noch benennen, weil dieser Mechanismus von es taucht eine bestimmte Angst auf und ich tue etwas Bestimmtes, ist so eng miteinander verknüpft.
Also ich gehe über einen Gehweg und ich trete automatisiert nicht auf die Fugen, weil ich weiß ja, dass dann was Schlimmes passiert. Das ist wirklich so eingespielt, dass es denjenigen fast nicht mehr kognitiv abrufbar ist. Und es ist deswegen natürlich auch, weil es sich komplett automatisiert hat, unglaublich schwer zu löschen, denn das ist das, was wir versuchen. Wir versuchen, diese Art von Verhaltensweise einfach zu löschen. Du siehst also schon, Zwänge und Ängste gehören ganz eng zusammen.
Man möchte ein Gefühl loswerden, was mit einem Gedanken verbunden ist. Und das ist bei Angst und bei Zwang tatsächlich sehr, sehr ähnlich. Bei der Zwangsstörung gibt es ganz typische Felder, welche Art von Gedanken das sind. Es gibt zum Beispiel, das hatt ich vorhin mit dem Waschzwang beschrieben, die Angst, sich mit etwas zu kontaminieren Viren, Bakterien, Krankheiten, was auch immer. Dann gibt es einen Bereich der Zwangsstörung, wo's vor allen Dingen darum geht, jemand anders etwas anzutun, seinen Liebsten etwas anzutun, die eigenen Kinder zu verletzen, zu würgen, zu erstechen, mit einem Messer zu verletzen.
Etwas schwächer gedacht, es gibt auch die Angst, jemandem etwas anzutun im Sinne von böse Beleidigungen auszusprechen oder jemanden einfach zu schlagen. Und auch dieser Gedanke, dass man seinem eigenen Kind etwas antut, kann, wenn ich ihn zu meiner Wahrheit mache, zu so viel Angst im System führen, dass ich plötzlich Neutralisierungshandlungen brauche, die Angst irgendwie zu dämpfen, weil es mir kaum möglich ist, mich von dem Gedanken zu distanzieren. Und das würden wir im Therapieraum üben. Ein weiterer Bereich ist eine über, also was auch in dem Bereich der Zwangsstörung gehört, auch aber 'n bisschen in dem Bereich der Ängste, ist die Hypochondrie. Es geht eine Überaufmerksamkeit für den Körper.
Das heißt, in der Zwangsstörung geh ich auch immer wieder mit den Gedanken auf meinen Körper und habe vielleicht Angst, dass ich, weiß ich nicht, anderen Menschen die Zunge rausstrecke oder den Kopf drehe. Da fällt mir grad kein richtig gutes Beispiel. Der Punkt, den ich noch mal gerne herausarbeiten möchte, ist, dass diese Menschen, die darunter leiden, eine unheimlich hohe Verantwortung fühlen. Weil meistens bei den Zwängen ist die Angst dahinter, dass irgendwas Schlimmes passiert. Dass einem selbst etwas Schlimmes passiert, aber ganz oft auch, dass den liebsten Menschen etwas Schlimmes passiert.
Und deswegen ist es von der Idee her auch so wichtig, Fehler zu vermeiden, sicher zu sein, dass man selber alles getan hat, dieses Schlimme zu verhindern. Man fühlt sich also übermäßig verantwortlich. Man hat auch dieses Gefühl von, es geht entweder nur, ich erfülle alles oder es passiert die Katastrophe. Also son Schwarz Weiß Gedanke ist dahinter. Dann ist auch oft das Gefühl vorherrschend, dass man eigentlich ein schlechter Mensch ist und dass man eigentlich gar nichts kann und sich deswegen auch sehr, sehr anstrengen muss, die Lieben zu schützen.
Ihr seht schon, da ist auch eine Selbstabwertung mit drin, ne? Ich kann nichts, ich bin nichts und deswegen muss ich mich ganz doll anstrengen, weil sonst passiert was Schlimmes. Und was häufig auch der Fall ist, ist grad so der in dem Bereich jemand anders etwas antun, jemand beleidigen, jemand schlagen oder jemand sogar schwer verletzen. Plötzlich wird die die Grenze zwischen Gedanken und Handlung fließend. Die Betroffenen haben nicht mehr das Gefühl, dass sie sich sozusagen noch der Handlung entziehen können, sondern sie haben den Gedanken, wenn ihr Gehirn ihnen befiehlt mehr oder weniger eine schlimme Drohung oder Beleidigung auszusprechen, dann müssen Sie das auch tun.
Das heißt, da ist wieder so oder bildet sich so eine Überzeugung, dass man dem Gehirn in dem Fall, dem Verstand, der die Gedanken produziert, ausgeliefert ist. Und das sind wir natürlich nicht. Also mittlerweile weiß man, dass Kopf, Herz und Bauch, der Darm sogar eine 1 Achse und ein sehr komplexes System miteinander bilden und dass wir uns, ich sag erklär das ja auch immer, dass wir uns beim Denken zuschauen können, dass es also so beobachtende Funktionen, Fähigkeiten und Anteile in uns gibt, die uns natürlich helfen, uns davon zu distanzieren. Diese magische Verknüpfung von Gedanken und von Ereignissen, wie sie bei Zwängen oft aufgemacht wird, die gibt es gar nicht. Und wo ich das jetzt mit den magischen Verknüpfungen sage, find ich, ist das auch noch 'n schönes Beispiel.
Ein Zwangsgedanke ist auch eine ja, übersteigerte Form von Aberglauben. So kann man es sich auch vorstellen. Wie Du vielleicht die Regel kennst, Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen oder schwarze Katze von links nach rechts bedeutet tot, da gibt's ja so oder wenn ich Salz verschütte, hab ich's oder 'n Spiegel zerschlage, hab ich 7 Jahre Pech. Also solche Sachen gibt es ja. Und wir können das betrachten als das, was es ist, nämlich erst mal Worte, Sätze oder auch Gedanken, wenn wir sie denken.
Aber wir müssen Ihnen ja nicht die Position der Wahrheit einräumen. Tun wir das aber tun wir das aber, dass wir sagen, Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen, so gehen wir weiter mit der festen Überzeugung, dass der Tag nur noch schlecht werden kann. Das passiert, wenn wir mit diesem Gedanken verschmelzen. Und wie immer sage ich auch hier, es ist sehr wichtig, sich den Gedanken, der dich grade ja, entscheiden, handeln oder fühlen lässt, anzugucken und zu gucken, was ist denn das? Und dann kann man zum Beispiel sagen, ja, Aberglaube, Kopf schütteln, Gedanken sein lassen, vielleicht so gedanklich 'n bisschen zur Seite zu schieben, ausm Fokus zu nehmen und weiter mit was anderem.
Die Behandlung ist tatsächlich, dass wir die Menschen mit ihren Ängsten konfrontieren. Also es ist wie bei 'ner Angsttherapie, wo's auch oft darum geht, sich den Ängsten auszusetzen, geht es auch bei der Zwangsbehandlung darum, sich mit den Angst gesetzten Gedanken Gedanken sehr eng zu beschäftigen. Weil das ist das, was derjenige schon aus Angst vor diesem Gedanken nicht mehr tut. Das heißt, wir gucken, welche Gedanken sind immer da? Was gibt es für zwangsauslösende Situationen, ne?
Wo will man sich waschen? Wo hat man das Gefühl, man muss was kontrollieren, wiederholen, zählen, ordnen, etwas Schlimmes zu verhindern? Und wir lassen denjenigen tatsächlich in diese Angst reingehen, dann wirklich auch ja, deutlich zu machen, dass wenn man nicht so handelt wie der Zwangsgedanke, die Zwangshandlung es vorsieht, trotzdem das negative Ereignis mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintritt. Eine sogenannte Zwangshierarchie von Ängsten wird dann und von Ängsten und den damit verbundenen Zwängen wird erarbeitet. Aushalten, sich dem aussetzen und merken, dass nichts passiert, selbst wenn wir den Gedanken und den ja Vorhersagen des Verstandes den Wahrheitsgehalt wegnehmen.
Und die Frage ist ja, was tun wir dann stattdessen in diesen Situationen? Also wie so oft gilt auch hier, unser Gehirn kann ich nicht denken. Das heißt, wenn wir uns mit den Ängsten konfrontiert haben und nicht mehr in die zwanghaften Gedanken reingehen in den Situationen, was machen wir denn dann? Und hier müssen wir tatsächlich mit den Patienten erarbeiten, okay, mit welchen Gedanken wollen Sie sich tatsächlich beschäftigen? Wo wollen Sie Ihre Aufmerksamkeit hinlegen, wenn Sie gelernt haben, dem Verstand dabei zu entlarven, wenn er mal wieder wilde, angstmachende Gedanken mit Prognosen und mit Verantwortung rausgehauen hat?
Und dafür geschieht dann im Therapieraum Wertearbeit. Die Frage, was ist eigentlich wirklich in meinem Fokus, wenn ich mich nicht vor meinem Gehirn sozusagen ständig in die Irre führen lassen will und mir Angst machen lassen will, womit soll mein Gehirn sich denn beschäftigen? Was sind die Dinge im Leben, die mir wirklich wichtig sind? Was sind meine Werte? Was sind die Richtungen, in die ich möchte?
Was sind die Ziele, die mich kurzfristig erst mal ziehen? Das heißt, ich richte meine Aufmerksamkeit auf das, was mir wichtig ist. Und ich richte meine Aufmerksamkeit auch auf das Jetzt und Hier im aktuellen Moment, Weil womit der Verstand den Betroffenen Angst macht, sind ja immer Zukunftsprognosen. Es wird etwas Schlimmes passieren. Ja, kann sein, kann aber auch nicht sein.
Und bloß, weil ich auf keine Fugen trete, wird es ja auf das vermeintlich Schlimme keinen Einfluss haben, ob es passiert oder nicht. Aber mich an der Stelle zu distanzieren, muss ich das erst mal verstehen, dass mein Gehirn mir sozusagen tagtäglich Tausende Gedanken anbietet, aus denen ich auswähle. Und ich kann sogar meinem Gehirn eine bestimmte Richtung vorgeben, in das es denken soll und dann arbeitet es für mich, weil es einen klaren Auftrag hat. Oder ich fokussiere mich auf die Situation im Jetzt und Hier mit der Frage, was ist jetzt hier eigentlich wichtig? Ich muss diesen Bürgersteig, diesen Gehweg entlanggehen, weil ich von a nach b will, weil ich bin dort hinten bei 'ner Freundin zum Essen eingeladen.
Und dieses Thema, es könnte was Schlimmes passieren, das beachte ich grad gar nicht weiter. Also der gesunde Umgang mit solchen bedrängenden, angstmachenden Gedanken besteht auch bei Zwangsstörung darin, diese Gedanken nicht zu bewerten, diese Gedanken schon gar nicht zu seiner Wahrheit zu machen und diese Gedanken einfach stehenzulassen als das, was sie sind, nämlich Gedanken. Und wenn diese Gedanken trotzdem irgendwie einen Wahrheitscharakter kriegen, das merkst Du daran, dass sie Gefühle in der betroffenen Person auslösen, Ängste auslösen, dann immer wieder daran erinnern und sagen, es ist alles nur in deinem Kopf. Es ist nicht real. Und tatsächlich würde ich auch hier schnell empfehlen zu versuchen, therapeutische Unterstützung zu bekommen.
Das mag vielleicht, weil Therapieplätze grad so rar sind, erst mal online gehen. Vielleicht gibt's auch mehr Kollegen, die Gruppentherapien anbieten und so weiter. Denn das wird einem tatsächlich klarer, wenn man darüber redet und wenn man plötzlich versteht, ich kann das. Ich kann meinem Gehirn einen anderen Auftrag eine andere Richtung geben und ich kann schlimme Gedanken, die mein Kopf rauswirft, auch einfach zur Seite packen und mich nicht weiter mit ihnen beschäftigen. Ja, Zwangsstörungen sind oft sehr schambesetzt, das würd ich gern noch erwähnen.
Diejenigen versuchen, ihre Handlungen oft zu verstecken oder im Verborgenen auszuführen, reden relativ wenig drüber, finden deswegen auch wenig Hilfe und darüber manche Leute haben Zwangsgedanken, das heißt, es ist wirklich alles nur in dem Kopf, selbst die Neutralisierung, das angstreduzierende Verhalten findet nur in deren Kopf statt. Das sind dann die Leute, die zum Beispiel so Zählzwänge und Ordnungszwänge im Kopf haben und die jeden Satz mitm Substantiv anfangen müssen oder so. Dann kriegt das Umfeld es wirklich erst sehr verzögert mit und auch nur die Person, die sehr nah dran sind. Also dieses Schambesetzte, dieses Versteckende, was häufig mit dieser Störung einhergeht, ja, erklärt auch noch mal, warum diejenigen so spät Hilfe bekommen und eigentlich aber meine Meinung sehr früh Hilfe brauchen, weil sie eben, je länger dieser Automatismus läuft von Angst steigt an und ich finde irgendeine Handlung oder ein Gedankengespräch, was die Angst reduzieren lässt, das macht es irgendwann so automatisiert und dann wird es immer schwieriger, es zu löschen. In diesem Sinne, wenn Du dich angesprochen gefühlt hast und denkst, das ist bei mir aber auch ganz schön ausgeprägt, hol dir bitte unbedingt Hilfe oder Literatur, beschäftige dich mit dem Thema.
Wenn Du jemanden kennst, von dem Du nach dieser Folge glaubst, oh Mist, ja, ich glaube, der ist da reingeraten oder der hat das. Versuch es doch vorsichtig anzusprechen und denjenigen zu ermutigen, dass er sich Hilfe holt. Und ja, wenn es irgendwelche konkreten Fragen zum Thema Zwangsstörung gibt, könnt ihr mir die auch gerne schreiben unter den Posts auf Social Media. Ich versuche, die zu beantworten. Für mich ist es einfacher, wenn es eher allgemeinere Fragen sind, also zum Thema Zwänge, die vielleicht auch etwas mit euch oder mit anderen Personen, die euch wichtig sind, zu tun haben, weil ich ganz viele Fragen auch im Social Media Bereich nicht beantworten kann aus zeitlichen Gründen.
Aber alles, was so thematisch fachlich zu dem Thema kommt, da werd ich auf jeden Fall drauf reagieren. In diesem Sinne, ich hoffe, dass dir die Erklärung gefallen hat, dass Du mehr verstanden hast über das Thema Zwänge, Zwangsgedanken, Zwangshandlung. Und ich wünsch dir einen ja, restlichen, entspannten Tag. Die Folge kommt donnerstags morgens raus. Vielleicht bist Du schon gedanklich auf dem Weg in ein entspanntes Wochenende und weißt, der Großteil der Woche ist geschafft.
Und mit diesem Gefühl wünsch ich dir einen wunderbaren Tag. Bis dann. Tschüs.
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Ausgesucht von Sabine — weil sie gut zu dieser Folge passen.
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