Gelassen durch die Krise: Wenn der Boden plötzlich wankt
Stress

Gelassen durch die Krise: Wenn der Boden plötzlich wankt

6 Min. Lesezeit · aktualisiert 5. August 2026

Eine Kündigung, eine Diagnose, ein Anruf, und nichts ist mehr wie zuvor. Wie du durch eine akute Krise gehst, ohne dabei dich selbst zu verlieren.

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Es ist ein Dienstagvormittag, als Magdalena die E-Mail ihres Arbeitgebers öffnet. Zwei Absätze, sachlich formuliert, und mit dem zweiten kippt der Boden unter ihr weg. Der Standort wird geschlossen, ihre Stelle fällt weg, nach zweiundzwanzig Jahren. Sie liest den Satz dreimal, als könnte er sich beim vierten Mal noch ändern. Ihr Herz klopft bis zum Hals, die Hände sind kalt, und irgendwo in ihr ist es merkwürdig still, als hätte jemand den Ton abgestellt.

Eine Krise kommt selten mit Ankündigung. Mal ist es eine Diagnose, mal ein Anruf mitten in der Nacht, mal eine E-Mail an einem gewöhnlichen Dienstag. Von einem Moment auf den nächsten ist nichts mehr, wie es war. In solchen Zeiten wünschen sich viele, gelassen bleiben zu können, und meinen damit oft, keine Angst zu spüren und weiter zu funktionieren. Doch echte Gelassenheit ist etwas anderes. Sie ist die Fähigkeit, mitten im Sturm einen inneren Standpunkt zu behalten, von dem aus du handeln kannst, ohne die Angst wegdrücken zu müssen.

Was in einer Krise mit dir geschieht

In dem Augenblick, in dem dein Verstand eine Bedrohung erkennt, schaltet dein Körper in einen uralten Notfallmodus. Das Stresshormon Cortisol steigt, das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, und das Denken wird eng und schnell. All das ist sinnvoll, wenn eine echte Gefahr vor dir steht und du kämpfen oder fliehen musst. Bei einer modernen Krise aber, die sich über Wochen zieht, läuft dieses Programm ins Leere. Du kannst vor einer Kündigung nicht davonlaufen, und der Alarm im Körper hört trotzdem nicht auf.

Deshalb fühlst du dich in solchen Phasen oft wie neben dir. Manche werden hektisch und können keine Minute stillsitzen, andere erstarren und bekommen kaum einen klaren Gedanken zusammen. Beides ist keine Schwäche, sondern dein Nervensystem, das versucht, dich zu schützen. Es hilft schon, das zu wissen, denn dann nimmst du die eigenen Reaktionen weniger als persönliches Versagen und mehr als das, was sie sind. Wer tiefer verstehen möchte, was in Körper und Gefühl in solchen Momenten abläuft, findet in Besser Fühlen (Werbung) eine gut verständliche Vertiefung, die erklärt, warum Gefühle im Körper entstehen und wie du wieder Einfluss auf sie bekommst.

Warum Gelassenheit nicht Gleichgültigkeit ist

Es gibt ein hartnäckiges Bild von Gelassenheit, das mehr schadet als nützt. In diesem Bild ist die gelassene Frau die, die nichts aus der Ruhe bringt, die lächelt, während alles zusammenbricht, und die keine Träne zeigt. Wenn du dieses Bild in dir trägst, wirst du dich in einer Krise doppelt schlecht fühlen, weil du eben nicht ruhig bleibst, sondern zitterst und weinst und nachts wach liegst.

Echte Gelassenheit sieht anders aus. Sie schließt das ganze Gefühl mit ein. Du darfst verzweifelt sein und trotzdem einen Schritt nach dem anderen gehen. Gelassenheit heißt nicht, dass dich nichts trifft, sondern dass du dich von dem, was dich trifft, nicht vollständig fortreißen lässt. In der Psychologie spricht man manchmal vom inneren Beobachter, einem ruhigen Teil in dir, der wahrnimmt, was gerade geschieht, ohne selbst in Panik zu geraten. Diesen Teil kannst du stärken, und er wird in schweren Zeiten zu einem verlässlichen Begleiter.

Diese Haltung fällt nicht vom Himmel, sie wächst mit der Zeit. Jede Krise, die du schon durchgestanden hast, hat dir etwas darüber beigebracht, dass Wellen wieder abebben und dass du mehr trägst, als du dachtest. Wenn du in einem ruhigen Moment einmal zurückschaust, wirst du merken, dass du bereits durch manches hindurchgegangen bist, von dem du damals nicht wusstest, wie du es überstehen sollst. Diese Erfahrung ist ein Schatz. Sie flüstert dir in der nächsten schweren Zeit zu, dass auch diese vorübergeht, selbst wenn du es in dem Moment kaum glauben kannst.

Die Wellen, durch die eine Krise dich trägt

Eine Krise verläuft fast nie gleichmäßig. Am Anfang steht oft ein Schock, in dem alles wie unwirklich erscheint. Dieser Zustand ist ein Schutz, er gibt dir Zeit, die Nachricht in kleinen Portionen zu begreifen. Danach kommen die Wellen. An einem Tag glaubst du, es einigermaßen im Griff zu haben, am nächsten überrollt dich die Angst wieder von vorn. Dieses Auf und Ab ist kein Rückschritt, sondern der ganz normale Weg, auf dem ein Mensch etwas Großes verarbeitet.

Erst nach einer Weile beginnt eine dritte Phase, in der sich langsam wieder ein Boden bildet. Du fängst an, nach vorn zu schauen, wägst Möglichkeiten ab, machst erste kleine Schritte. Wichtig zu wissen ist, dass du diese Phasen nicht erzwingen kannst. Wer in der ersten Woche schon Pläne schmieden will, überfordert sich. Manchmal besteht die klügste Handlung darin, für den Moment nur den Tag zu überstehen. Gerade weil die Zukunft ungewiss bleibt, hilft der ehrliche Blick darauf, wie du lernst, das Nicht-Wissen auszuhalten, ohne dich am Grübeln aufzureiben.

Was dir Halt gibt, wenn der Boden wankt

Wenn außen alles wackelt, brauchst du innen ein paar feste Punkte. Das sind oft ganz schlichte Dinge. Ein Mensch, den du anrufen kannst. Eine Tasse Tee zur immer gleichen Zeit. Ein kurzer Gang um den Block. Solche kleinen Anker geben deinem Nervensystem die Botschaft, dass nicht alles im Chaos versinkt, und sie kosten dich in einer Zeit, in der du wenig Kraft hast, fast nichts. Es lohnt sich, dir bewusst zu machen, was dir in stressigen Zeiten Kraft gibt, bevor die nächste schwere Phase kommt.

Und dann ist da noch die innere Haltung. Ruhe von innen entsteht selten dadurch, dass die Umstände ruhig werden, sondern dadurch, dass du inmitten der Umstände einen Platz für dich findest. Wie das gelingt, auch wenn um dich herum nichts still ist, beschreibt der Text über innere Ruhe mitten im Trubel. Und wenn die Belastung so groß wird, dass du kaum noch schläfst oder dich über Wochen wie gelähmt fühlst, dann ist es keine Schwäche, dir Begleitung zu suchen. Eine Beraterin oder Therapeutin kann dir helfen, durch die schwerste Zeit hindurchzufinden. Sich Unterstützung zu holen ist ein Zeichen von Klugheit, nicht von Versagen.

Kleine Impulse für den Alltag

  • Den nächsten Schritt statt des ganzen Wegs: Frag dich in akuten Momenten nicht, wie das alles ausgeht, sondern nur, was der eine nächste Schritt ist. Mehr muss gerade nicht sein.
  • Den Körper mitnehmen: Wenn der Kopf rast, hilft der Körper. Stell die Füße fest auf den Boden, atme langsam aus, spür deine Hände. Das holt dich für einen Moment aus dem Alarm.
  • Anker im Tag setzen: Behalte eine kleine Gewohnheit bei, die dir guttut, auch wenn alles andere durcheinandergerät. Verlässlichkeit im Kleinen beruhigt.
  • Gefühle zulassen: Erlaube dir, zu weinen oder wütend zu sein. Weggedrückte Gefühle werden nicht kleiner, sie melden sich später umso lauter.
  • Hilfe annehmen: Sag ja, wenn jemand dir etwas abnehmen möchte. Du musst eine Krise nicht allein durchstehen, um stark zu sein.
  • Eins nach dem anderen entscheiden: Verschiebe große Entscheidungen, solange du im Schock steckst. Warte, bis sich der erste Sturm gelegt hat, und entscheide dann mit klarerem Kopf.

Zum Weiterhören

In Podcast-Folge #76 „Gelassen durch die Krise“ sprechen wir ausführlich darüber, wie du in schweren Zeiten einen inneren Standpunkt behältst und dich von der Angst nicht vollständig fortreißen lässt. Hier geht's zur Folge.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Eine Krise verlangt dir viel ab, und niemand erwartet, dass du sie mit ruhiger Miene durchschreitest. Gelassenheit heißt nicht, dass es dir gut geht, während alles schwer ist. Sie heißt, dass du dich selbst nicht verlierst, auch wenn du wankst. Du wirst schlechte Tage haben und wieder aufstehen, du wirst zweifeln und weitergehen. Und Stück für Stück wird sich zeigen, dass du mehr aushältst, als du in der ersten dunklen Stunde geglaubt hast. Das reicht vollkommen.

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