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Es ist Donnerstagabend, als Ursula sich auf die Bettkante setzt und einen Moment einfach nur dasitzt. Der Tag hat an ihr gezogen, von der ersten Mail am Morgen bis zum letzten Anruf am Abend, und sie fühlt sich leer wie ein ausgewrungenes Tuch. Auf dem Nachttisch liegt ein Buch, das sie liebt, an der Wand hängt ein Foto vom Meer, und im Flur stehen ihre Wanderschuhe. Alles Dinge, die ihr guttun. Nur fällt ihr das gerade nicht ein. In diesem Moment fühlt es sich an, als gäbe es nichts, aus dem sie Kraft schöpfen könnte.
So geht es vielen Frauen am Ende eines langen Tages. Nicht, weil es keine Kraftquellen gäbe, sondern weil sie im Stress aus dem Blick geraten. In der Fachsprache spricht man von Ressourcen, und damit ist alles gemeint, was dir Halt gibt und dich wieder auflädt. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was damit gemeint ist, warum diese Quellen ausgerechnet dann versiegen scheinen, wenn du sie am meisten brauchst, und wie du sie dir zurückholst.
Was mit Ressourcen wirklich gemeint ist
Der Begriff Ressource klingt nüchtern, fast technisch, dabei meint er etwas sehr Warmes. Eine Ressource ist alles, was dir Kraft gibt, dich stützt oder dich zur Ruhe bringt. Das können Menschen sein, eine Freundin, die dich versteht, deine Schwester, ein alter Bekannter. Es können Tätigkeiten sein, das Gärtnern, das Singen im Chor, das Kneten von Teig. Es können Orte sein, ein Waldweg, die eigene Küche, eine Parkbank in der Sonne. Und es können innere Dinge sein, deine Erfahrung, dein Humor, deine Fähigkeit, Dinge zu Ende zu bringen.
Wichtig ist, dass Ressourcen nichts Großes oder Teures sein müssen. Es geht nicht um den zweiwöchigen Wellnessurlaub, sondern um die vielen kleinen Quellen, aus denen du im Alltag schöpfst, oft ohne es zu bemerken. Genau darin liegt ihre Stärke. Sie sind meist schon da. Du musst sie dir nicht erst verdienen und nicht erst herbeischaffen. Du musst sie nur wieder in den Blick nehmen.
Warum du sie ausgerechnet im Stress vergisst
Es hat einen Grund, warum dir am erschöpften Abend nichts einfällt, das dir guttun würde. Unter Anspannung schaltet dein Körper in einen Alarmzustand, in dem sich die Wahrnehmung verengt. Dein Blick richtet sich auf das, was gerade bedrohlich oder dringend wirkt, und alles andere rückt an den Rand. Das war früher überlebenswichtig, weil man vor einer Gefahr nicht über den schönen Sonnenuntergang nachdenken sollte. Im heutigen Dauerstress sorgt derselbe Mechanismus dafür, dass dir deine Kraftquellen genau dann aus dem Sinn geraten, wenn du sie am dringendsten brauchst.
Dazu kommt oft ein innerer Antreiber, der ruft, dass jetzt keine Zeit für so etwas sei, dass erst alles erledigt sein müsse. Wie diese unsichtbaren Sollsätze uns unter Druck setzen, beschreibt der Beitrag Der innere Antreiber. Und wenn der Kopf ohnehin schon randvoll ist mit Listen und Terminen, wie in Immer alles im Kopf beschrieben, dann bleibt für die leisen guten Dinge scheinbar kein Platz. Das ist kein Charakterfehler, sondern schlicht die Art, wie ein überlastetes System arbeitet.
Deine ganz persönlichen Kraftquellen finden
Weil deine Ressourcen im Stress unsichtbar werden, hilft es, sie einmal in einem ruhigen Moment schwarz auf weiß festzuhalten. Setz dich hin und überlege, was dir in der Vergangenheit gutgetan hat. Wann hast du dich zuletzt lebendig gefühlt? Was hat dir früher Freude gemacht, das im Alltag verloren ging? Wer tut dir gut, und wovon bekommst du nie genug? Was dabei entsteht, ist so etwas wie eine persönliche Landkarte deiner Kraftquellen, auf die du zurückgreifen kannst, wenn dir gerade selbst nichts einfällt.
Besonders wichtig wird diese Landkarte, wenn nicht nur ein Tag anstrengend war, sondern die Verlässlichkeit selbst ins Wanken gerät. Wie du dann wieder festen Boden findest, beschreibt Wenn dich alles verunsichert.
Zu den zuverlässigsten Ressourcen gehört für viele die Natur. Schon ein langsamer Gang durch den Wald senkt nachweislich die Anspannung, weil dein Nervensystem auf die ruhigen Reize von Bäumen, Licht und Waldgeruch mit einem tiefen Durchatmen reagiert. Wenn du diese besondere Wirkung vertiefen und bewusst für dich nutzen möchtest, gibt das Buch Heilsames Waldbaden (Werbung) viele Anregungen, wie du aus einem Spaziergang eine echte Kraftquelle machst. Und auch die kleinen Freuden des Alltags zählen dazu, jene Momente, die wir oft übersehen, weil wir zu schnell zum Nächsten hetzen, so wie es Die Kunst des Auskostens beschreibt.
Ressourcen im Alltag verankern
Kraftquellen wirken am besten, wenn du sie nicht für den großen Notfall aufsparst, sondern in kleinen Dosen über den Tag verteilst. Ein bewusster Schluck Tee am Morgen, drei Minuten am offenen Fenster, ein kurzes Telefonat mit einer lieben Stimme. Diese Mini-Auftankmomente kosten kaum Zeit und halten deinen inneren Speicher davor, ganz leerzulaufen. Es ist wie beim Trinken. Wenn du regelmäßig kleine Schlucke nimmst, wirst du gar nicht erst so durstig, dass es unangenehm wird.
Manchen Frauen hilft es, sich abends kurz zu fragen, welche Kraftquelle sie an diesem Tag genutzt haben, und sei sie noch so klein. Dieser Rückblick lenkt den Blick sanft weg von dem, was liegen geblieben ist, hin zu dem, was dich getragen hat. Mit der Zeit übt sich dein Nervensystem darauf ein, das Gute wieder wahrzunehmen, das im Alarmzustand sonst untergeht.
Hilfreich ist auch, eine Ressource fest mit einer bestehenden Gewohnheit zu verknüpfen. Wenn du ohnehin jeden Morgen Kaffee kochst, trink ihn bewusst am Fenster statt im Vorbeigehen. Wenn du sowieso zum Einkaufen gehst, nimm den Weg durch den Park. So musst du dir keine neue Aufgabe aufbürden, sondern hängst das Gute an etwas, das ohnehin schon zu deinem Tag gehört. Genau das ist der Kern der alten Weisheit, deine Ressourcen zu nutzen, statt gegen die Erschöpfung anzukämpfen.
Wenn die Kraftquellen nicht mehr auffüllen
Manchmal reicht keine noch so schöne Ressource mehr aus, um dich wieder aufzuladen. Wenn du seit Monaten unter Dauerstrom stehst, morgens schon erschöpft aufwachst und dich nichts mehr wirklich erreicht, dann ist dein Speicher womöglich tiefer entleert, als kleine Auftankmomente ausgleichen können. Das ist ein wichtiges Signal und kein Grund, dich zusammenzureißen. In solchen Phasen ist es sinnvoll, mit deiner Hausärztin oder einer Beratungsstelle zu sprechen, um gemeinsam zu schauen, was du gerade brauchst. Sich Unterstützung zu holen ist selbst eine Ressource, und eine der klügsten.
Kleine Impulse für den Alltag
- Deine Kraftquellen aufschreiben: Leg eine kleine Liste an mit Menschen, Orten und Tätigkeiten, die dir guttun. Häng sie sichtbar auf, damit dir im Stress nicht selbst einfallen muss, was hilft.
- Der Mini-Auftankmoment: Nimm dir über den Tag verteilt drei winzige Pausen von je zwei Minuten, in denen du bewusst etwas Gutes für dich tust. Kurz ans Fenster, ein paar tiefe Atemzüge, eine Hand aufs Herz.
- An Bestehendes anhängen: Verknüpfe eine Kraftquelle mit einer festen Gewohnheit, etwa den Weg durch den Park mit dem Einkauf. So brauchst du keine zusätzliche Zeit.
- Nach draußen gehen: Plane einmal in der Woche einen langsamen Gang durch die Natur ein, ohne Ziel und ohne Eile. Achte darauf, wie dein Atem dabei von allein tiefer wird.
- Menschen aktiv suchen: Ruf bewusst jemanden an, in dessen Nähe du dich leichter fühlst. Verbundenheit ist eine der stärksten Ressourcen, die wir haben.
- Das schlechte Gewissen entlassen: Wenn beim Auftanken die Stimme ruft, du hättest Wichtigeres zu tun, erinnere dich, dass eine aufgeladene Frau mehr schafft als eine erschöpfte.
Zum Weiterhören
In Podcast-Folge #28 „Nutze deine Ressourcen, um kraftvoll zu handeln“ sprechen wir ausführlich darüber, wie du deine ganz eigenen Kraftquellen erkennst und sie gezielt einsetzt, um auch schwierige Zeiten mit mehr Stabilität zu tragen. Hier geht's zur Folge.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Du musst deine Kraft nicht aus dem Nichts erschaffen. In deinem Leben sind längst viele Quellen vorhanden, die dich stützen, auch wenn du sie an müden Tagen nicht siehst. Es geht nicht darum, dich zu optimieren oder ein perfektes Selbstfürsorge-Programm durchzuziehen. Es reicht, ein wenig öfter innezuhalten und dich zu fragen, was dir jetzt guttun würde. Manchmal ist es ein Anruf, manchmal ein Fenster mit frischer Luft, manchmal nur ein Moment, in dem du dich auf die Bettkante setzt und atmest. Kleine Schlucke, immer wieder. Das genügt, und du musst dafür nichts leisten.