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Es ist ein Dienstagnachmittag, als Mechthild den Brief in der Hand hält, in dem steht, dass es diesmal nichts geworden ist. Sie hatte sich beworben, mit über fünfzig, für etwas Neues, das sie wirklich wollte. Jetzt sitzt sie am Küchentisch, die Zusage einer anderen im Kopf, und hört schon die vertraute Stimme in sich: Was hast du dir auch eingebildet. Sie legt den Brief weg und fühlt sich mit einem Mal sehr klein.
Diesen Moment, in dem etwas nicht gelingt und sich sofort ein Urteil über die ganze Person dazuschiebt, kennst du vermutlich auch. Ein misslungener Kuchen, ein Gespräch, das schiefging, ein Plan, der zerbrach. Das Ärgerliche daran ist selten die Sache selbst. Es ist die Geschwindigkeit, mit der aus einem gescheiterten Vorhaben ein Urteil über den eigenen Wert wird. Genau hier lohnt es sich, einmal genauer hinzusehen, denn Scheitern und Wertlosigkeit sind zwei völlig verschiedene Dinge, die in uns oft blitzschnell zusammenfallen.
Warum uns Scheitern so an die Substanz geht
Der Mensch ist ein soziales Wesen, und über viele tausend Jahre bedeutete Dazugehören Sicherheit. Wer aus der Gruppe fiel, war in Gefahr. Diese alte Prägung sitzt noch tief in uns. Ein Misserfolg fühlt sich deshalb wie mehr als eine verpasste Sache an. Er trägt eine leise Drohung in sich, nicht zu genügen und ausgeschlossen zu werden. Dein Körper reagiert auf soziale Zurückweisung mit ähnlichen Signalen wie auf körperlichen Schmerz. Kein Wunder also, dass ein Nein an die Substanz geht.
Dazu kommt, dass viele von uns mit einer bestimmten Rechnung großgeworden sind. Du bist etwas wert, wenn du etwas leistest. Wer diese Rechnung verinnerlicht hat, für die kippt bei jedem Misserfolg auch der Selbstwert. Dabei ist der Gedanke, dein Wert hänge an deiner Leistung, eine erlernte Idee und keine Tatsache. Ein Kind ist wertvoll, bevor es irgendetwas leistet. Bei dir ist das nicht anders geworden, nur weil du erwachsen bist.
Der Unterschied zwischen Ich habe versagt und Ich bin ein Versager
In der Sprache liegt oft der ganze Unterschied. Es macht etwas mit dir, ob du denkst, das ist mir nicht gelungen, oder ob du denkst, ich bin eine, der nichts gelingt. Der erste Satz beschreibt ein Ereignis, begrenzt und vorübergehend. Der zweite spricht ein Urteil über deine ganze Person, zeitlos und endgültig. Fast alles Leiden nach einem Misserfolg entsteht in diesem stillen Sprung vom Ereignis zum Urteil.
Wenn du das nächste Mal merkst, wie hart du mit dir wirst, kannst du innehalten und die Formulierung prüfen. Hat wirklich deine ganze Person versagt, oder ist ein bestimmtes Vorhaben nicht aufgegangen, aus Gründen, von denen viele gar nicht bei dir lagen? Diese kleine Unterscheidung nimmt der inneren Stimme nicht das Wort, aber sie nimmt ihr die Übertreibung. Wie du deinen Gedanken freundlich, aber bestimmt widersprichst, statt ihnen jedes Wort zu glauben, das lässt sich üben, ähnlich wie beim Ein Danke an dich, wo es darum geht, den eigenen Blick milder auf sich zu richten.
Wie du dir nach einem Misserfolg begegnest
Stell dir vor, eine gute Freundin säße mit diesem Brief bei dir am Tisch. Würdest du sagen, das hast du dir selbst zuzuschreiben, du hättest es besser wissen müssen? Wohl kaum. Du würdest ihr zuhören, den Schmerz ernst nehmen und ihr sagen, dass ein Versuch, der nicht aufging, sie nicht kleiner macht. Genau diese Haltung darfst du auch dir selbst entgegenbringen. In der Psychologie heißt das Selbstmitgefühl. Es ist alles andere als ein Weichspüler und zählt zu den stabilsten Grundlagen für seelische Widerstandskraft.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, alles schönzureden. Es bedeutet, den Schmerz anzuerkennen und dir trotzdem beizustehen. Frauen, die das üben, wagen nach einem Rückschlag sogar häufiger wieder etwas Neues, weil ein Versuch weniger bedrohlich wird, wenn kein vernichtendes Urteil daran hängt. Wie sehr ein warmer innerer Ton dabei auch dein aufgewühltes Nervensystem beruhigt, kannst du beim Selbstmitgefühl nachlesen.
Vielleicht spürst du beim Lesen einen Einwand. Wenn ich nett zu mir bin, werde ich dann nicht bequem und lasse mich gehen? Diese Sorge ist weit verbreitet und trifft doch nicht zu. Die Forschung zum Selbstmitgefühl zeichnet ein anderes Bild. Frauen, die sich nach einem Fehler mit Wärme begegnen, übernehmen eher Verantwortung für das, was schiefgelaufen ist, weil sie es sich anschauen können, ohne im Selbstvorwurf zu versinken. Wer sich dagegen hart geißelt, lenkt einen Großteil seiner Kraft in die Verteidigung gegen die eigene Strenge und hat für den nächsten Schritt kaum noch etwas übrig. Härte gegen dich selbst macht dich also nicht leistungsfähiger, sie macht dich kleiner. Die freundliche Stimme ist die, die dich wieder in Bewegung bringt, weil sie dir zutraut, es erneut zu versuchen. Du darfst deshalb beides sein, klar in der Sache und mild mit dir. Das eine schließt das andere nicht aus, es macht dich sogar stabiler, weil du dann aus einem sicheren Stand heraus handelst und nicht aus der Angst vor dir selbst.
Scheitern als Wegweiser, nicht als Urteil
Ein Vorhaben, das nicht gelingt, trägt fast immer eine Information in sich. Manchmal zeigt es dir, dass der Weg nicht deiner war. Manchmal, dass die Bedingungen nicht stimmten. Manchmal auch nur, dass es diesmal nicht gepasst hat und ein nächstes Mal folgen darf. Diese Fragen sind wertvoller als jedes Selbsturteil, weil sie dich weiterführen, statt dich festzunageln. Gerade in der zweiten Lebenshälfte, wenn sich vieles neu ordnet, kann ein Misserfolg zu einem stillen Wendepunkt werden, an dem du dich fragst, was du eigentlich willst.
Wer sich in solchen Phasen neu ausrichten möchte, findet in einem guten Begleitbuch oft hilfreiche Fragen. Weil das eigene Nachdenken leichter fällt, wenn es angeleitet ist, kann dich Meine Reise zu mir selbst (Werbung) mit seinen Impulsen dabei unterstützen, den Blick wieder nach vorn zu richten, ohne den Rückschlag kleinzureden. Es ersetzt kein Gespräch mit einem vertrauten Menschen, aber es kann ein ruhiger Anfang sein. Und wenn dich nach einem Rückschlag die Sorge einholt, wie es weitergeht, hilft ein Blick auf die Zuversicht, jene leise Kraft, die auch dann noch trägt, wenn gerade nichts sicher scheint.
Kleine Impulse für den Alltag
- Ereignis und Urteil trennen: Prüfe deine Worte. Sag dir, das ist mir nicht gelungen, statt ich tauge nichts. Der Satz beschreibt dann eine Sache und nicht deine ganze Person.
- Den Freundinnen-Test machen: Frag dich, was du einer lieben Freundin in derselben Lage sagen würdest. Dann sag es dir selbst, im selben Ton.
- Nach der Information suchen: Überlege, was dir dieser Rückschlag zeigt. Oft steckt darin ein Hinweis auf deinen Weg und kein Urteil über deinen Wert.
- Den Körper einbeziehen: Leg eine Hand auf die Brust, wenn die harte Stimme laut wird. Berührung signalisiert deinem Körper, dass du dir beistehst.
- Den nächsten kleinen Schritt suchen: Frag dich nach dem einen machbaren Schritt für morgen, statt nach dem ganzen Weg auf einmal.
- Erfolge mitzählen: Halte am Abend fest, was heute gelungen ist, und sei es klein. Der Blick verzerrt sich sonst leicht zugunsten des einen Missgeschicks.
Zum Weiterhören
In Podcast-Folge #128 „Vom Scheitern" spreche ich mit Juli Stockheim darüber, wie sich ein Rückschlag anfühlt und wie man wieder aufsteht, ohne den eigenen Wert davon abhängig zu machen. Hier geht's zur Folge.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Etwas ist dir nicht gelungen. Das darf wehtun, und es darf einen Moment lang schwer sein. Aber es sagt nichts darüber aus, wie viel du wert bist. Dein Wert war nie eine Rechnung, die sich mit jedem Ergebnis neu aufmacht. Du darfst scheitern und trotzdem gut zu dir bleiben. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst, nicht fehlerfrei durchs Leben zu gehen, sondern dir auch dann treu zu bleiben, wenn etwas danebengeht. Kleine Schritte, immer wieder geübt, tragen dich dabei weiter als jeder Vorsatz, nie mehr zu stolpern. Und je öfter du dir diese Milde gönnst, desto selbstverständlicher wird es, dir auch an schweren Tagen die Treue zu halten.