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Hiltrud legt auf und bleibt einen Moment mit dem Telefon in der Hand sitzen. Ihre Nachbarin hat gefragt, ob sie am Samstag beim Umzug hilft, und Hiltrud hat natürlich Ja gesagt, so wie sie zu fast allem Ja sagt. Dabei hatte sie sich diesen Samstag freigehalten, für nichts Besonderes, einfach für sich. Jetzt ist der Tag verplant, und in ihr breitet sich dieses vertraute Gefühl aus, das halb Pflichtgefühl ist und halb leiser Ärger auf sich selbst. Sie kennt es gut. Sie funktioniert für alle, ist zuverlässig und beliebt, und trotzdem sitzt da abends oft die Frage, wo in all dem eigentlich sie selbst geblieben ist.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl, jahrelang das getan zu haben, was von dir erwartet wurde, und dabei den Kontakt zu dir selbst ein Stück verloren zu haben. In der Psychologie gibt es dafür ein hilfreiches Begriffspaar. Es gibt in uns ein wahres Selbst, das spürt, was es mag, was es braucht und was ihm widerstrebt. Und es gibt ein angepasstes Selbst, das früh gelernt hat, sich nach anderen zu richten, um dazuzugehören und geliebt zu werden. Authentisch zu leben heißt nicht, plötzlich rücksichtslos zu werden. Es heißt, dem wahren Selbst wieder mehr Platz zu geben, ohne das gute Miteinander aufzugeben.
Wie aus einem echten Kind ein angepasster Mensch wird
Als Kind warst du ganz selbstverständlich echt. Du hast gelacht, wenn dir danach war, und geweint, wenn dir etwas wehtat. Mit der Zeit lernt jedes Kind, welche Gefühle willkommen sind und welche besser verschwinden. Ein Mädchen, das für seine Zurückhaltung gelobt und für seinen Eigensinn getadelt wurde, lernt, das Laute leiser zu drehen. Das ist kein Versagen der Eltern, sondern ein normaler Vorgang. Anpassung sichert einem Kind die Nähe der Menschen, von denen es abhängt.
Nur bleibt dabei manchmal viel auf der Strecke. Die eigene Meinung, der eigene Geschmack, das Recht auf ein klares Nein. Wer als Erwachsene spürt, dass sie sich selbst kaum noch kennt, trifft dort oft auf ein jüngeres Ich, das sehr früh gelernt hat, sich klein und passend zu machen. Diesem inneren Kind freundlich zu begegnen, statt es weiter zu übergehen, ist ein wichtiger Schritt zurück zu sich. Wenn du an dieser Stelle tiefer einsteigen möchtest, gibt das Buch so heilt dein inneres Kind (Werbung) einen behutsamen Weg vor, die alten Prägungen zu verstehen und liebevoller mit ihnen umzugehen.
Warum Anpassung sich lange wie Sicherheit anfühlt
Sich anzupassen wird im Alltag ständig belohnt. Du giltst als unkompliziert, die Stimmung bleibt gut, niemand ist enttäuscht. Dieses Lob wirkt wie ein warmer Mantel, und darum tragen viele Frauen ihn jahrzehntelang, auch wenn er längst zu eng geworden ist. Das angepasste Selbst verspricht Zugehörigkeit, und Zugehörigkeit ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, kein Luxus.
Der Preis zeigt sich erst schleichend. Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, spürt irgendwann eine leise Gereiztheit, die sich nicht recht erklären lässt, oder eine Müdigkeit, die auch nach dem Urlaub bleibt. Manche beschreiben ein Gefühl von Fremdheit im eigenen Leben, als lebten sie ein Drehbuch, das jemand anderes geschrieben hat. Diese Zeichen sind keine Schwäche. Sie sind die vernünftige Rückmeldung eines Menschen, der sich selbst zu lange hintangestellt hat. Über die Angst, von anderen kritisch beobachtet zu werden, haben wir gesondert geschrieben, denn oft ist genau sie es, die uns im angepassten Modus festhält.
Echt sein heißt nicht, plötzlich rücksichtslos zu werden
Viele Frauen zögern beim Gedanken an mehr Echtheit, weil sie fürchten, dann kalt oder egoistisch zu wirken. Diese Sorge ist verständlich und beruht doch auf einem Missverständnis. Authentizität bedeutet nicht, ungefiltert alles auszusprechen, was dir durch den Kopf geht. Sie bedeutet, dass dein Handeln und dein Inneres wieder zusammenfinden, sodass du nicht ständig gegen dich selbst arbeitest.
Eine echte Frau kann sehr wohl liebevoll, geduldig und rücksichtsvoll sein. Der Unterschied liegt darin, dass sie es aus freier Wahl ist und nicht aus Angst. Wenn du deiner Nachbarin hilfst, weil du es gern tust, ist das genauso echt wie ein freundliches Nein an einem Tag, an dem du deine Kraft brauchst. Echtheit macht dich nicht härter, sie macht deine Freundlichkeit erst verlässlich, weil sie nicht mehr aus Pflichtgefühl gepresst ist, sondern aus einem vollen Inneren kommt.
Woran du merkst, dass du dich selbst aus dem Blick verloren hast
Es gibt ein paar leise Signale, die sich lohnen zu beachten. Wenn du bei der Frage, was du eigentlich möchtest, erst einmal ratlos bist, ist das eines davon. Wenn du deine Entscheidungen fast immer davon abhängig machst, wie andere reagieren könnten, ein weiteres. Und wenn du dich in Gesellschaft oft anstrengend zusammenreißen musst und erst allein wieder durchatmest, dann lebt dein wahres Selbst gerade sehr im Verborgenen.
Dabei lohnt sich ein freundlicher Blick auf dich. Du hast dich nicht verloren, weil du schwach oder oberflächlich wärst, sondern weil du gelernt hast, gut für andere da zu sein. Diese Fähigkeit ist wertvoll und darf bleiben. Es geht nur darum, dich selbst in die Reihe der Menschen aufzunehmen, für die du sorgst. In der Therapie zeigt sich dieser Wendepunkt oft als der Moment, in dem eine Frau zum ersten Mal seit Langem wieder spürt, was sie selbst will, und erschrickt, wie leise diese Stimme geworden ist. Wenn diese innere Leere über Wochen bleibt und sich alles grau und schwer anfühlt, kann eine begleitende Therapeutin hilfreich sein, und sich das zu holen ist ein Zeichen von Fürsorge, nicht von Versagen.
Der Weg zurück zu dir beginnt mit kleinen echten Momenten
Authentischer zu leben gelingt selten mit einem großen Bruch. Es wächst aus vielen kleinen Momenten, in denen du das Echte wählst. Ein ehrliches "das mag ich nicht", ein Nachmittag, den du wirklich für dich behältst, eine Meinung, die du ausnahmsweise nicht sofort abschwächst. Jeder dieser Momente ist eine Übung, und dein Umfeld gewöhnt sich schneller daran, als du befürchtest.
Es hilft, dabei geduldig mit dir zu sein, denn das angepasste Selbst meldet sich mit schlechtem Gewissen, sobald du etwas für dich entscheidest. Dieses Gewissen ist alt und darf sich melden, ohne dass du ihm gehorchen musst. Manchmal braucht es dabei auch den Mut zum Loslassen alter Rollen, die dir längst zu eng geworden sind. Und wenn dich der Weg unsicher macht, erinnere dich daran, wie sehr Selbstmitgefühl ein aufgewühltes Inneres beruhigt. Freundlichkeit dir gegenüber ist der beste Begleiter auf diesem Weg.
Kleine Impulse für den Alltag
- Den eigenen Zustand benennen: Frage dich mehrmals am Tag ganz schlicht, was du gerade wirklich möchtest. Schon die Gewohnheit, überhaupt zu fragen, holt deine leise gewordene Stimme zurück.
- Ein kleines ehrliches Nein wagen: Sag einmal am Tag zu etwas Kleinem Nein, das du sonst automatisch mitgetragen hättest. Übe an harmlosen Dingen, damit die größeren später leichter fallen.
- Freuden ohne Zweck einplanen: Nimm dir bewusst Zeit für etwas, das keinem anderen dient, sondern nur dir Freude macht. Das übt dein Gefühl dafür, was dir eigentlich guttut.
- Dem inneren Kind zuhören: Wenn dich etwas ungewöhnlich stark trifft, frage dich, ob sich da ein jüngeres Ich meldet. Ein freundliches inneres Wort an dieses Kind entspannt oft mehr als jede Vernunft.
- Sichere Menschen wählen: Zeige dein echtes Ich zuerst dort, wo du dich sicher fühlst. Bei einem Menschen, der dich mag, wie du bist, lässt sich Echtheit gefahrloser üben.
- Rückfälle mild betrachten: An manchen Tagen passt du dich wieder komplett an, und das ist in Ordnung. Ein alter Reflex verschwindet nicht auf einen Schlag, er wird nur langsam leiser.
Zum Weiterhören
In der Podcast-Folge #153 "Dein Wahres Selbst entdecken - Authentisch leben" sprechen wir ausführlich darüber, wie du deinem echten Ich wieder näherkommst und den Mut findest, mehr davon zu zeigen. Hier geht's zur Folge.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Du musst dich nicht neu erfinden, um bei dir anzukommen. Das wahre Selbst ist nicht verschwunden, es ist nur leiser geworden unter all den Erwartungen, die du erfüllt hast. Jedes Mal, wenn du etwas Echtes wählst, und sei es noch so klein, hört diese Stimme, dass sie wieder gemeint ist. Das darf langsam gehen und ohne großen Umsturz. Du hast so lange für andere gepasst. Jetzt darfst du auch wieder zu dir passen.