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Es ist kurz nach neun am Abend, als Gudrun zum zweiten Mal an diesem Abend vor dem geöffneten Küchenschrank steht. Der Tag war anstrengend, ein Streit mit der Schwester hallt noch nach, und obwohl sie zu Abend gegessen hat, greift ihre Hand wie von selbst nach der Schokolade. Sie isst im Stehen, schnell, fast ohne zu schmecken. Und kaum ist die Tafel halb leer, meldet sich das schlechte Gewissen. Warum tut sie das schon wieder, fragt sie sich, wo sie doch gar keinen Hunger hatte.
Vielleicht kennst du diese Szene aus deinem eigenen Leben. Da ist ein Griff zum Essen, der nichts mit dem Magen zu tun hat und alles mit dem, was in dir vorgeht. In der Fachsprache spricht man von emotionalem Essen, dem Essen als Antwort auf Gefühle statt auf körperlichen Hunger. Es ist weit verbreitet und alles andere als ein Zeichen von Willensschwäche. Wer versteht, was dahintersteckt, kann diesem Muster mit sehr viel mehr Freundlichkeit begegnen und findet leichter einen Weg heraus.
Der Unterschied zwischen Körperhunger und Gefühlshunger
Körperlicher Hunger baut sich langsam auf. Er meldet sich mit einem Ziehen oder Knurren im Magen, er lässt sich vertagen, und er ist mit fast jedem Essen zufrieden, das satt macht. Gefühlshunger dagegen kommt plötzlich und drängend. Er sitzt oft nicht im Bauch, sondern eher im Kopf oder im Hals, und er verlangt meist etwas ganz Bestimmtes, gern etwas Süßes oder Fettiges. Vor allem hört er nicht auf, wenn der Magen voll ist, denn es war ja nie der Magen, der Nahrung brauchte.
Dass der Körper auf diese Weise oft ausdrückt, was die Seele nicht in Worte fasst, zeigt auch der Artikel Wenn der Körper spricht, was die Seele schweigt.
Wenn du das nächste Mal einen Drang zu essen spürst, kann es helfen, kurz innezuhalten und zu prüfen, welche Art von Hunger sich da meldet. Habe ich wirklich körperlichen Hunger, oder ist gerade etwas anderes in mir, das nach Trost sucht. Schon diese kleine Unterscheidung schafft einen Moment der Wahl, in dem du nicht mehr nur reagierst, sondern bemerkst, was in dir vorgeht.
Warum ausgerechnet Essen so gut tröstet
Dass wir bei Kummer zum Essen greifen, hat handfeste Gründe. Essen, besonders Süßes und Fettiges, wirkt beruhigend auf dein Nervensystem und schüttet Botenstoffe aus, die kurzfristig für ein gutes Gefühl sorgen. Diese Verbindung zwischen Nahrung und Trost lernen wir sehr früh. Ein weinendes Kind wird gestillt und beruhigt sich, später gibt es zum Trost ein Eis oder einen Keks. Essen und Geborgenheit gehören für viele von uns von klein auf zusammen.
Das bedeutet, dass emotionales Essen zunächst einmal ein kluger, erlernter Weg der Selbstberuhigung ist. Dein System hat entdeckt, dass Essen unangenehme Gefühle dämpft, und greift in belastenden Momenten darauf zurück. Das Problem ist nur, dass der Trost nicht lange hält. Das Gefühl, das dich zum Essen trieb, ist danach immer noch da, und häufig gesellt sich Scham dazu. So entsteht ein Kreislauf, der sich mit jeder Runde ein Stück fester zieht.
Wie sich ein Gedanke, ein Gefühl und ein Verhalten auf diese Weise gegenseitig am Laufen halten, erklärt allgemeiner der Artikel Der Kreislauf im Kopf.
Wie die Scham das Muster nährt
Nach dem emotionalen Essen kommt bei vielen Frauen die Selbstkritik. Sie ärgern sich, machen sich Vorwürfe, nehmen sich vor, dass das nicht wieder passieren darf. Diese Härte fühlt sich vielleicht wie Disziplin an, doch sie bewirkt oft das Gegenteil. Scham ist ein belastendes Gefühl, und belastende Gefühle sind genau der Auslöser, der zum nächsten Griff in den Schrank führt. Du bekämpfst das Muster also mit dem Stoff, aus dem es gemacht ist.
Diese Scham, die sich zum ursprünglichen Gefühl noch dazugesellt, ist genau das, was der Artikel Der zweite Pfeil beschreibt.
Der Ausweg beginnt an einer überraschenden Stelle, nämlich beim Aufhören mit der Selbstverurteilung. Wenn du dir erlaubst, das emotionale Essen als verständlichen Versuch zu sehen, dich zu trösten, nimmst du dem Kreislauf einen Teil seiner Kraft. Du musst dich nicht schämen für einen Bewältigungsweg, den du irgendwann gelernt hast. Von diesem freundlicheren Ort aus lässt sich viel eher etwas verändern als aus der Kritik heraus.
Das eigentliche Bedürfnis hinter dem Hunger
Hinter emotionalem Essen steht fast immer ein Gefühl und ein unerfülltes Bedürfnis. Manchmal ist es Erschöpfung, manchmal Einsamkeit, Langeweile, Ärger oder Traurigkeit. Das Essen ist der Versuch, dieses Gefühl zu besänftigen, ohne es wirklich anzusehen. Deshalb liegt ein wichtiger Schlüssel darin, deine Gefühle besser kennen und benennen zu lernen. Je genauer du spürst, was gerade in dir los ist, desto eher findest du eine Antwort, die wirklich passt.
Vielleicht brauchst du in dem Moment gar keine Schokolade, sondern Ruhe, ein Gespräch, Bewegung oder schlicht die Anerkennung, dass der Tag hart war. Diese feinere Wahrnehmung des eigenen Innenlebens lässt sich üben. Ein Buch, das ich dir dazu ans Herz lege, ist „Besser fühlen" von Leon Windscheid, das auf verständliche Weise erklärt, wie unsere Gefühle funktionieren und wie wir besser mit ihnen umgehen. Wenn du deine Emotionen tiefer verstehen und dir damit einen anderen Umgang als das Essen erschließen möchtest, kann dir dieses Buch Besser fühlen (Werbung) einen guten und warmherzigen Zugang geben. Falls das Essen dich allerdings stark belastet oder du das Gefühl hast, die Kontrolle zu verlieren, ist es sinnvoll, dir fachliche Begleitung zu suchen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Fürsorge dir selbst gegenüber.
Kleine Impulse für den Alltag
- Kurz innehalten vor dem ersten Bissen: Frag dich, ob dein Magen wirklich Hunger hat oder ob gerade ein Gefühl nach Trost sucht. Der kleine Moment schafft eine Wahl.
- Das Gefühl benennen: Versuche, dem Impuls einen Namen zu geben. Bin ich müde, einsam, wütend, traurig. Schon das Benennen nimmt oft etwas Druck heraus.
- Nach dem echten Bedürfnis fragen: Überleg, was dir gerade außer Essen guttun könnte, ein Anruf, ein warmes Bad, ein Spaziergang, ein paar Minuten Ruhe.
- Mit Milde statt Härte reagieren: Wenn du doch aus Gefühlen heraus gegessen hast, verzichte auf Selbstvorwürfe. Freundlichkeit unterbricht den Kreislauf, Scham hält ihn am Laufen.
- Bewusst und langsam essen: Wenn du isst, dann setz dich hin und schmecke wirklich. Aufmerksames Essen sättigt auch die Seele mehr als das hastige Nebenbei.
- Gefühle üben, nicht nur beim Essen: Nimm dir immer wieder kurz Zeit, in dich hineinzuspüren. Je vertrauter dir deine Gefühle werden, desto seltener müssen sie sich über den Umweg des Essens melden.
Zum Weiterhören
In Podcast-Folge #33 „Emotionales Essen auflösen" sprechen wir ausführlich darüber, wie du dem Muster hinter dem Trostessen auf die Spur kommst und mit welchen ersten Schritten du ihm behutsam begegnen kannst. Hier geht's zur Folge.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Emotionales Essen verschwindet nicht über Nacht, und das muss es auch nicht. Es ist ein Muster, das dir lange gedient hat, und du darfst ihm mit Verständnis statt mit Kampf begegnen. Jedes Mal, wenn du vor dem Griff zum Essen einen winzigen Moment innehältst und dich fragst, was du gerade wirklich brauchst, übst du einen neuen Weg. Manchmal wirst du trotzdem zur Schokolade greifen, und auch das ist in Ordnung, denn es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, dir selbst mit der Zeit ein liebevollerer Gegenüber zu werden, der die eigenen Gefühle ernst nimmt. Sei geduldig mit dir, feiere die kleinen Schritte, und vertrau darauf, dass jede freundliche Wiederholung dich ein Stück weiterträgt.